Im großen Schatten der vermeintlichen Boomländer China und Indien mausert sich Taiwan in rasantem Tempo zu einer starken dritten Kraft. Branchenkenner trauen dem Land noch mehr zu.

Die deutsche Firma Heimatec aus der Nähe von Karlsruhe optimiert ihre Präzisionswerkzeuge unter anderem für die Werkzeug-revolver von Apex Dynamics, ein taiwanesisches Unternehmen mit Sitz in Taichung. Felix Ritter aus der Entwicklungsabteilung von Heimatec sieht vor allem die außergewöhnliche Preisflexibilität als Hauptursache für die starke Entwicklung: „Taiwanesische Firmen orientieren sich in der Regel sehr stark an der Nachfrage und machen daher besonders kundenfreundliche Angebote.“ Die Qualität der Produkte unterscheide sich zwar noch in erkennbarem Maße von westlichen Standards. „Aber das Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugt einfach viele finanzschwächere Abnehmer, die in der Masse den Gesamtumsatz kräftig ankurbeln“, betont Ritter. Beim selbsternannten Weltmarktführer für Werkzeugträger Sauter aus Metzingen, der ebenfalls Werkzeug-revolver produziert, nimmt man daher Taiwan als Wettbewerber ernst. „Natürlich macht man da keine Luftsprünge. Andererseits freuen wir uns, dass wir mit Sauter Asia ein eigenes erfolgreiches Tochterunternehmen in Taiwan etablieren konnten. Wir nehmen das eher als Chance wahr“, betont Marketingleiterin Andrea Strobel.

Deutschland importierte im vergangenen Jahr nach Angaben des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) im Werkzeugmaschinen-Außenhandel Maschinen und Teile im Gesamtwert von 123 Millionen Euro. Was zunächst nach wenig klingt, relativiert sich, wenn man den prozentualen Anteil am gesamten Import mit anderen Ländern vergleicht. Dort liegt Taiwan (3,8 Prozent) nur knapp hinter dem so hochgelobten China (4,1 Prozent).

So viele Aussteller wie Japan, Amerika und Großbritannien zusammen

Von der Industrieelektronik über Präzisionswerkzeuge bis zu Drehmaschinen verzeichnet Taiwan in nahezu sämtlichen Bereichen der Branche Zuwächse. Das belegt auch die Präsenz taiwanesischer Hersteller auf Fachmessen. Bei der EMO Hannover 2013 war die Provinz mit 162 Ausstellern hinter Deutschland (894) und Italien (243) das Land mit den meisten anwesenden Betrieben und damit fast so gut vertreten wie Japan, die USA und Großbritannien zusammen. Mit einer Ausstellungsfläche von 11.688 Quadratmetern stehen die Firmen vor Ort ebenfalls auf einem beachtlichen vierten Platz. Wahrscheinlich ist es ein ungewohntes Gefühl für Taiwan so viel Raum zur Verfügung zu haben –
mit 35.801 Quadratkilometern hat das Land ungefähr die Größe des Bundeslandes Baden-Württemberg. Die Form der Insel ähnelt nebenbei bemerkt einer Süßkartoffel, weshalb sich dort bestimmte Bevölkerungsgruppen auch als Kinder der Süßkartoffel bezeichnen.

Moderne Designs für höhere Preise     

Die Unterschiede in der Wertigkeit sind im Übrigen längst nicht mehr so groß wie noch vor einigen Jahren. Was mitunter noch zur Erfüllung internationaler Ansprüche fehlt, ist lediglich ein ansprechendes Design. Produkte aus Taiwan überzeugen in erster Linie mit Funktionalität. „Durch die Globalisierung ist aber die Konkurrenz viel stärker geworden, so dass auch die Optik stimmen muss“, erklärt Vicky Yeh, Vertreterin der Otsuka Information Tecnology Corp. Auch bei Sauter registriert man die taiwanesische Designoffensive, beäugt diese aber kritisch. „Es ist schon verwunderlich, wenn sich deren Produkte und unsere äußerlich 1:1 gleichen“, bemerkt Andrea Strobel. Mit der verbesserten Optik hofft man nicht nur die Preisschraube etwas anziehen zu können, da hochwertig aussehende Produkte automatisch höhere Preise ermöglichen. Vielmehr will man endlich mit europäischen Firmen in direkten Wettbewerb treten. Inwiefern es die Süßkartoffel übertragen gesehen ihrer entfernt verwandten Kartoffel demnach gleichtut und nach Europa kommt, könnte die hiesige Konkurrenz eher erleben, als ihr lieb ist.