Als Finanzminister hat Wolfgang Schäuble auch bei den Krisenherden dieser Welt die Zahlen im Blick: „Wenn diese Länder nicht auf die Beine kommen, werden wir dies in Europa teuer bezahlen“, warnt der Minister. Denn: „Unser Wohlstand hängt davon ab, das wir billige Rohstoffe bekommen.“

Der Bundesfinanzminister kommt grade von der Jubiläumsfeier der Stuttgarter Börse. 150 Jahre gibt es den Handelsplatz dort. In den Gesprächen habe er schon wieder die Tendenz zur „Chicagoer Schule“ erlebt, die davon ausgeht, dass sich Märkte selbst regulieren. „Schön wär’s“, so der Minister. „Einer der großen Fehler war ein Abbau der Regulierungen“, findet der CDU-Politiker und fordert eine engere Regulierung der Finanzmärkte. Eine problematische Tendenz stellt der Finanzminister dabei auf der europäischen Ebene fest. Dort sage zwar jeder, er sei dafür, aber erst, wenn es alle machen. Darauf dürfe man nicht warten, fordert der Minister. Das sei nur eine „faule Ausrede“, so Schäuble.

Als Minister zwischen Staatsschulden, Euro- und Finanzkrise macht man sich nicht viele Freunde. Ein Job der Kräfte zehrt, der an die Substanz geht. Er hat abgenommen, leicht zusammen gesunken sitzt er in seinem Rollstuhl.

Aber seine Stimme ist kräftig, und wer ihm zuhört, der merkst nichts von körperlicher Schwäche. Der Politikprofessor Volker Rittberger ist gekommen, auch er braucht einen Rollstuhl. „Du jetzt auch“, kommentiert Schäuble nur.

Als oberster Kassenwart im Land hat er andere, großes Summen im Blick. „Das Jahr hat so viele Tage wie wir Milliarden brauchen“, rechnet Schäuble vor. Bund und Land hätten zwei Billionen Euro an Schulden. Jedes Jahr müssten rund 200 Milliarden Euro zurückgezahlt werden und diese plus etwa 50 Milliarden an neuen Schulden aufgenommen werden. Dafür brache man große Finanzinvestoren. Wenn ein Amerikaner von der Eurokrise in Griechenland lese, dann werden sofort die Märkte nervös. „Märkte funktionieren nach Gesetzen, die man kennen muss“, so der Finanzminister. Damit befasse er sich die Woche über.

Dabei habe er eine Weile gebraucht, um in der Finanzwelt anzukommen. „Finanzexperten sind eine eigene Kaste“, so Schäuble. Er können nicht so geschwollen Reden, viele seien ihm mit Skepsis begegnet. Bei seiner ersten Rede vor Bankern habe er über Perikles und die attische Demokratie geredet. Viele dachten, er hätte das falsche Redemanuskript erwischt. Dabei ging es ihm um ein: „Wir wissen seit 2.500 Jahren, dass die Menschen lieber mehr ausgeben als sie einnehmen“, so seine Lehre aus der Antike.

An Erfahrung mangelt es Schäuble in seinem langen Politikkarriere nicht. Da ist der Kanzler, an dessen Namen er sich an diesem Nachmittag nicht mehr erinnert. Da war der Moment, als Angela Merkel in fragte, ob er Finanzminister werden wolle. Und er antwortete: „Aber Frau Merkel, so nett wie mit Herrn Steinbrück wird es mit mir nicht sein.“

Schäuble hat nichts zu befürchten – oder nichts mehr zu verlieren. „Was kannst du mir drohen? Nichts!“, bringt er es auf den Punkt. Das gibt im Unabhängigkeit. „Ich bin nicht pflegeleicht“, sagt Schäuble über sich selbst. Manche in Berlin sagen, seine Unabhängigkeit mache ihn unberechenbar.

Der Finanzminister findet klare Worte, auch an stellen, wo er als Bundesfinanzminister durchaus zurückhaltender sein könnte. Geht es um den Länderfinanzausgleich etwa, gibt er sich in Tübingen erst diplomatisch. „Als Baden-Württemberger verstehe ich die Position der Geberländer.“ Der Finanzausgleich sei zwar eine gute Sache, aber er enthalte zu wenig Anreize. Als Ministerpräsident in Baden-Württemberg würde er auch dagegen vorgehen. Doch dann legt er nach: „Die Klage muss auf den Weg gebracht werden“, findet Schäuble.

Auf seinen Vorgänger im Amt angesprochen attestiert der Badener: „Steinbrück und ich haben einen unterschiedlichen Humor.“ Zwischen dem Schleswig-Holsteiner und dem Badener gibt es vielen unterschieden, Schäuble zeigt daran gerne die politischen Unterschiede auf: „Als Sozialdemokrat glaub er, dass man von Staatsseite vieles einfach regeln kann. Wir als Christdemokraten haben weniger Vertrauen in staatliche Regulierung.“
Dabei setzt sich der Minister selbst für eine höheres Maß an Regulierung im Finanzsektor ein. So viel Unabhängigkeit gönnt sich der Minister.