„Wir wollen mit diesem Satz, einen Anstoß geben, sich nicht zu ängstigen, sondern sich bewusst zu machen, was auf dem Spiel steht“, betont Pörksen. Gemeinsam mit Hanne Detel beschreibt er in dem Buch „Der entfesselte Skandal“ was passiert, wenn man sich genau dies nicht bewusst macht. Etwa bei der amerikanischen Bloggerin, die über ihre sexuellen Verhältnisse im amerikanischen Regierungsapparat bloggt. Was eigentlich nur für Freunde gedacht war, wird einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

„Es versendet sich nichts mehr“, so Pörksen. Digitales schlummere nur noch, wie eine Art „Zombi-Information“, die jederzeit zum Leben erwachen könne. Das Publikum habe eine neue Macht. Der Ablauf von Skandalen sah bislang so aus: Am Anfang stand eine Normverletzung, darüber folgt ein Bericht in einem journalistischen Medium, und am Ende empört sich ein Publikum. Heute könne sich dieser Dreischritt umkehren, so die Medienwissenschaftler.

Ein paar Blogger unterbreiten ein „Empörungsangebot“, die klassischen Medien steigen dann darauf ein. Niemand ist davor sicher, Opfer eines Skandals zu werden. „Im Zentrum steht eine Unfähigkeit, sich kommunikative Effekte vorstellen zu können“, hat Pörksen herausgefunden.

 

Für ihn sind folgende sechs Veränderungen zentral:

1. Es gibt neue Enthüller, dies können Aktivisten, Blogger oder wütenden Doktoranden sein.

2. Es gibt neue Tools der Skandalisierung, etwa Smartphones oder Soziale Netzwerke.

3. Es gibt neue Opfer, dies können gänzlich unschuldige sein.

4. Es gibt neue Themen, es gibt keine Barrieren mehr. Es muss nicht mehr relevant, aber interessant sein.

5. Es zeigen sich neue Formen der Ungewissheit, wir wissen nicht, was andere über uns wissen.

6. Es lassen sich neue Formen des Kontrollverlustes beobachten. (Die globale Verbreitung, die rasche Durchsuchbarkeit, etc.)

 

Diese Merkmale lassen klassische Formen des Skandalmanagements hilflos erscheinen, lautet die Schlußfolgerung von Pörksen und Detel. Wer versuche, den Kontrollverlust zu vermeiden, der mache womöglich alles nur noch schlimmer. „Zensur macht mobil, das Bestreben zu zensieren erzeugt Aufmerksamkeit.“ Bei vielen gebe es eine „Möglichkeitsblindheit“, darunter verstehen die Medienwissenschaftler ein Bewusstsein, für die Möglichkeiten, die sich aus dem Handeln ergeben.

Die Autoren haben in ihrem Buch die Perspektive der Opfer gewählt – ganz bewusst. „Wir haben in unser Mediengesellschaft keine Vorstellung von Opfern mehr“, so die Begründung. Die grundsätzliche Entscheidung, Privates an die Öffentlichkeit zu geben, werde einmal getroffen und lasse sich nicht mehr rückgängig machen.

Doch es gibt auch eine gute Seite dieser Entwicklung, und zwar wenn es um Transparenz gehe. Und auch der Skandal sei prinzipiell kein schlechtes Phänomen. Er werde häufiger vorkommen. Daran sei positiv, das eine normativ verzweifelte Gesellschaft über Werte diskutiere.

Ein Stück weit müssen alle angeregt werden, so wie Journalisten zu denken, lautet eine Schlussfolgerung von Hanne Detel und Bernhard Pörksen. Das Internet lasse sich für vieles einsetzen, aber für vieles sein wir noch nicht reif genug. Es ist, so die Wissenschaftler, eine Kommunikationstechnologie, die noch nicht zu unserem Bewusstseinszustand passe.