Sumgait. Der Name weckt in mir schreckliche Erinneungen.

Als die ersten Meldungen kamen, wollten wir es kaum glauben. Ein Pogrom an den in der Stadt lebenden Armeniern, hieß es. Ein Pogrom mitten in jener Sowjetunion, die sich die Gleichheit der Völker und Nationalitäten auf die Fahnen geschrieben hatte. Und doch hatte da schon der Konflikt um die kleine, von Armeniern bewohnte Enklave Bergkarabach zu brodeln begonnen, waren Aseris aus Armenien hinausgeworfen worden. Und dann die Ereignisse von Sumgait. An einem kalten Februartag des Jahres 1988 – Gorbatschow war gerade vier Jahre sowjetischer Parteichef – rotteten sich Grüppchen von Aseris zusammen und streiften bewaffnet durch die Stadt. Sie verprügelten die Armenier, die sie antrafen, folterten sie, zerrten sie nackt durch die Straßen. Armenische Häuser, Geschäfte, Wohnungen wurden geplündert und angezündet. Die Miliz sah tatenlos zu. Erst am nächsten Tag trafen sowjetische Soldaten in der Stadt ein und machten dem Grauen ein Ende. Offiziell starben zweiunddreißig Menschen bei diesen ungeheuerlichen Vorkommnissen, aber wer damals in Sumgait dabei war, meint bis heute, mindestens zweihundert Menschen seien ermordet worden.

Eine, die überlebte, war Tahira. Sie war damals eben sechzehn Jahre alt geworden und hatte Glück. Nur ihre verstorbene Mutter war Armenierin gewesen, der aserische Vater versteckte sie bei aserischen Verwandten. Und schickte sie, als sich die Lage etwas beruhigt hatte, weg aus der Stadt. Die Schule hatte sie da noch nicht beendet – und sollte sie auch nicht mehr beenden. Denn die fo genden Jahre lebte sie im Untergrund. Und in Angst. Ihre ältere Schwester war während des Pogroms verschwunden. Sie hatte studiert und war auf der Universität, als das Unvorstellbare begann. Seither, sagt Tahira, hat sie nie wieder etwas von ihr gehört. Vielleicht, sagt sie, vielleicht haben sie sie ins Meer geworfen, vielleicht haben sie sie zerstückelt? Ihre eigenen Erinnerungen an die Ereignisse dieses Jahres, das ihr Leben so endgültig veränderte, sind bruchstückhaft.

Zuerst seien in Armenien Aseris vom Balkon geworfen worden, dann hätten die Aseris in Sumgait die Armenier von den Balkonen geworfen, sagt sie, als ich sie frage, wie es damals war in jener Stadt, deren Name bis dahin kaum jemand kannte und die danach auf so traurige Weise berühmt wurde. Mehr sagt Tahira nicht, vielleicht, weil sie sich wirklich nicht erinnert. Vielleicht, weil sie sich nicht erinnern will, denke ich und frage nicht weiter.

Tahira jedenfalls wurde von aserischen Verwandten des Vaters in der Nähe von Baku aufgenommen und versteckte sich dort vier Jahre lang. Dann ertrug sie es nicht länger und suchte einen Ausweg.

Meine Freundin Galina Mursaliewa, eine der besten russischen Journalistinnen, ist Armenierin aus Aserbaidschan und mit einem Aseri verheiratet. Ich denke daran, was sie mir von ihrem Leben als Flüchtling in einer kleinen Stadt in der Nähe von Moskau erzählt hat. Dass die Nachbarn freundlich gewesen seien und ihr sogar mit Geschirr und Kinderkleidung ausgeholfen hätten. Dass man sie, die Andere, die Dunkelhaarige und Dunkelhäutige, aber nicht so recht verstanden habe, damals, im noch sowjetischen Russland, wo die Ereignisse rund um Karabach und das Pogrom von Sumgait natürlich tot- geschwiegen wurden und die Menschen nur sahen, dass plötzlich Leute aus dem Süden in ihre Kleinstadt kamen und sich dort niederließen. Leute, die nicht glücklich schienen, nicht den Eindruck machten, als seien sie freiwillig gekommen. Aber damals wurden viele in entlegene Gegenden zur Arbeit geschickt und waren unglücklich, weil sie ihre gewohnte Umgebung verlassen mussten, ihre Freunde, ihre Familien. Das war nichts Besonderes in der gnadenlosen Sowjetunion. Gedanken darüber, dass Galina und ihre Familie nicht mehr zurück konnten, machte sich in der Kleinstadt bei Moskau natürlich keiner.

Als Tahira es nicht mehr aushielt bei den Verwandten in der Nähe von Baku, war die Sowjetunion gerade untergegangen, das neue Aserbaidschan ein unabhängiger Staat im Krieg mit dem ebenso unabhängigen Armenien, und die Grausamkeiten nahmen kein Ende. Vier Jahre lang hatte das Mädchen mehr oder weniger im Untergrund gelebt. Jetzt, in Wien, mit einem ähnlichen Gefühl völliger Ungewissheit, will sie nicht sprechen über die Zeit als Illegale im eigenen Land. Ich vermute, dass die Verwandten sie als eine Art kostenlose Dienstmagd betrachtet haben. Zur Schule konnte sie nicht, arbeiten außerhalb des Hauses ebenso wenig. Es wird wohl für alle, für sie selbst und natürlich für die Verwandten, selbstverständlich gewesen sein, dass sie vieles im Haushalt übernahm. Wahrscheinlich auch das Kochen. Sechzehn war sie, als sie in diese Lage geriet. Mit zwanzig hatte sie offenbar genug gedient und die Ansicht gewonnen, dass ihr Leben in Zukunft immer so sein würde wie in den vergangenen vier Jahren, wenn sie nichts dagegen unternahm. Also tat sie etwas. Man half ihr, einen Pass zu bekommen – vielleicht wollten die Verwandten sie nicht länger bei sich haben, vielleicht waren sie unruhig geworden, vielleicht hatten sie in der aufgeheizten Atmosphäre nach dem Ende der Sowjetunion Angst, es könne ihnen zum Nachteil geraten, dass sie das Mädchen beherbergten. Auch darüber will Tahira jetzt in Wien nicht reden.

Jedenfalls verließ sie damals, 1992, Aserbaidschan für immer. Zunächst in Richtung Russland.

Ich war einmal in Baku, in dieser Stadt, in der über Jahrhunderte das praktiziert wurde, was viele als unmöglich bezeichnen: ein friedliches Miteinander verschiedenster Volksgruppen. Sie lebten nicht nur dank der alles zudeckenden sowjetischen Unterdrückung so ruhig zusammen in dieser hübschen Stadt am Meer. Schon davor und über Jahrhunderte war Baku eine vielfarbige, bunt gemischte Stadt gewesen, bevölkert von Aseris und Armeniern, Georgiern und Juden, Russen und vielen anderen. Als ich die Stadt besuchte, war diese Zeit freilich vorbei, versunken in den Wirren des Krieges zwischen Armenien und Aserbaidschan um ein kleines Stück Bergland, versunken im Chaos nach dem Ende des Imperiums. Die Armenier hatte man ermordet oder vertrieben, Georgier, Juden, Russen und all die anderen, die keine aserischen Vorfahren vorzuweisen hatten, waren gegangen, bevor man auch sie hinauswarf. In den schönen alten Häusern lebten jetzt Menschen, die ihrerseits vertrieben worden waren. Aseris, denen man nicht zu- gestanden hatte, weiter in Armenien oder im heiß umkämpften kleinen Bergkarabach zu leben. Die Stadt empfing uns damals freundlich. Weit draußen waren die Ölbohrtürme zu sehen, deretwegen sich auch der immer noch einflussreiche große Bruder Russland zurückhält, wenn es um die Frage geht, wie man hier mit den Menschen umgeht. Später sprach mir Galina, meine Freundin, voller Nostalgie von jenem wunderbaren vielfältigen Baku, in dem sie groß geworden und das für immer untergegangen war.

Wie, so frage ich mich, während ich Tahira zuhöre, sollten sie und ihre Kinder dort überleben können? In dieser Stadt, die ihre eigene Geschichte davongejagt hatte? In der es Tahira, als sie zwanzig geworden war, nicht mehr hielt?

Russland also, immer noch der große Bruder. Das Land, wo man sich hinflüchtete, weil einem die Sprache zwangsweise vertraut war. In der Schule war Russisch ja Unterrichtssprache gewesen. Tahira ging nach Moskau. Dort lebte sie wieder bei Verwandten. Ich vermute, dass sie auch hier die Rolle einer billigen Haushälterin zugewiesen bekam. Nach wenigen Monaten lernte sie einen Mann kennen und heiratete ihn. Einen anderen Ausweg aus der liebevollen Gefangenschaft bei den Verwandten gab es für sie wohl nicht. Aber da war noch mehr. Er sei ihr eines Tages auf der Straße entgegengekommen, erzählt Tahira und lacht verschämt; so vertraut sei er ihr da plötzlich erschienen, einer wie sie im kalten Moskau. Ein „Schwarzer“ wie sie selbst. Als sie ihm ihre Geschichte erzählte, sagte er, seine sei ganz ähnlich, auch seine Mutter sei Armenierin. Kurz darauf habe sie ihn geheiratet. Der Mann lebte mit seiner Mutter in Wladimir, einer Stadt am Goldenen Ring um Moskau. Dorthin zogen sie jetzt.

Womit ihr Mann das Geld verdiente, ist nicht ganz klar. Er habe Handel betrieben, sagt Tahira etwas vage. Auf dem Markt in Wladimir. Und sei dort täglich von der Polizei angehalten worden.

Inzwischen waren ein paar Jahre ins Land gezogen und in Tschetschenien tobte der Krieg. Wer aussah wie einer aus dem Kaukasus, lebte gefährlich in Russland. Nicht nur im Süden, auch im vom Kaukasus weit entfernten Wladimir. Täglich habe ihn die Miliz angehalten und gefragt, ob er nicht etwa Tschetschene sei, erzählt Tahira von der Mühe ihres Mannes, in dieser Situation weiter in Russland seinen Geschäften nachzugehen.

1998 brachte Tahira ihren ersten Sohn zur Welt. Daheim, mit Hilfe der Schwiegermutter. Weil sie ja illegal in Russland lebten, wo niemand daran dachte, Flüchtlinge aufzunehmen oder ihnen so etwas wie einen legalen Status zu geben.

Eines Tages geriet Tahiras Mann in ernste Schwierigkeiten. Wieder einmal hielt ihn die Miliz auf, wieder einmal verdächtigte man ihn, ein Tschetschene und somit gefährlich zu sein. Ein Milizionär nahm ihm den Pass ab und zerriss ihn. Da habe, erzählt Tahira, ihr Mann die Nerven verloren und auf den Milizionär eingeschlagen. Man habe dann versucht, ihn festzunehmen, es sei ihm aber gelungen, davonzulaufen. Er sei gar nicht mehr nach Hause gekommen und habe sich dann erst aus Österreich wieder gemeldet, wohin er sich irgendwie durchgeschlagen habe. Wie, das wisse sie nicht. Sie selbst blieb mit ihrem damals noch einzigen Sohn, noch nicht ganz vier Jahre alt, und der schwer kranken Schwiegermutter in Wladimir zurück.

So wie alle, die gezwungen waren, um ihr Leben zu rennen, erzählt Tahira nur wenige Details darüber, wie es nach der Flucht ihres Mannes weiterging. Sie sagt nur, dass sie die schwer nierenkranke Schwiegermutter auf ihre eigene Flucht nicht habe mitnehmen können. Der Lastwagenfahrer, der sie und ihren Sohn um die stolze Summe von 10.000 US-Dollar nach Österreich brachte, habe sich geweigert, die kranke Frau mitzunehmen, aus Angst, sie könnte unterwegs sterben. Das war 2002; seither hat Tahira nichts mehr von ihrer Schwiegermutter gehört. Es gebe keinen Kontakt zu ihr, sagt sie.

In Österreich erwartete sie ihr Mann. Gemeinsam meldeten sie sich in Traiskirchen und stellten Asylanträge. Und dann warteten sie. Ihre Geschichte konnten sie nicht beweisen. Den Pass ihres Mannes hatte der Milizionär zerrissen, ihre Papiere hatte sie bei der Schwiegermutter in Wladimir zurückgelassen. So hatte man es ihr vor der Flucht geraten. Jetzt hatten weder ihr Mann noch sie oder ihr Sohn Ausweise, irgendetwas, womit sie hätten beweisen können, woher sie kamen und warum sie geflüchtet waren. Und niemand glaubte ihnen, als sie erzählten, was sie erlebt hatten. Sie warteten, ohne Vorstellung, wie es weitergehen könnte. Warteten und bekamen zwei weitere Kinder. Einen Sohn und eine Tochter. Bezaubernde Kinder, lustig und fröhlich. Trotz allem. Man schickte sie von Heim zu Heim, von Unterkunft zu Unterkunft. Schließlich landeten sie in einer Art Siedlung im Wald. Nette Häuschen, rundherum Grün, aber weit weg vom Leben. In den anderen Häusern leben solche wie sie. Flüchtlinge, Menschen, die nicht wissen, wie sie weiterleben sollen. Betreut von einer Hilfsorganisation. Die tut viel für die Menschen dort oben im Wald.

Tahiras ältester Sohn ist gerade ins Gymnasium gekommen. Er lernt gerne und gut und spricht ausgezeichnet Deutsch; als unlängst der Bundespräsident in die Schule kam, wurde Tahiras Sohn sogar mit ihm fotografiert. Nachmittags nach der Schule hilft er der Mutter. Die tut sich schwer mit dem Deutschlernen. Sie hat versucht, es sich selbst beizubringen, denn für Kurse hat sie keine Zeit, weil sie die beiden Kleinen betreuen muss. Und jetzt hat sie auch keinen Anspruch mehr auf irgend- einen Kurs, weil ihr Asylbescheid abgelehnt worden ist. Da oben im Wald aber gibt es kaum Gelegenheit, Deutsch zu sprechen. Viel Begabung fürs Sprachenlernen hat sie wohl auch nicht. Auch ihr Russisch, mit dem sie doch zwangsweise groß geworden ist, ist mühsam, oft sucht sie nach Worten. Wäre da nicht eine, die eines Tages fand, solchen wie Tahira und ihren Kindern müsse man helfen, sie könnte sich wohl kaum verständigen. Diese Frau aber begann zuerst dem Sohn bei den Schulaufgaben beizustehen und nahm sich dann nach und nach der ganzen Familie an. Auch Tahiras, die jetzt jemanden hat, mit dem sie etwas Deutsch sprechen muss. Eine Herausforderung für die junge Frau, die ihr guttut.

Was sie wirklich gut kann, ist kochen. Das würde sie auch gerne als Beruf ausüben, darf es aber nicht. Weil sie Asylwerberin ist. Eine noch dazu, deren Anträge sämtlich abgelehnt wurden.

Inzwischen hat man ihr erklärt, dass sie Österreich verlassen und nach Aserbaidschan zurückkehren müsse. Für sie und ihren Mann, die halben Armenier, eine beängstigende Aussicht, zumal sie niemanden mehr haben in dem Land, das sie beide vor mehr als zwanzig Jahren verlassen haben. Ganz zu schweigen von den Kindern, die noch nie dort waren und dort wohl genauso weni-ge Möglichkeiten haben werden wie ihre Eltern. Kinder, die in Österreich etwas lernen und damit für sich und auch die Eltern eine Zukunft aufbauen könnten.

Dieser Text ist aus dem Buch „Allein zu Hause“ von Susanne Scholl. In dem Buch beschreibt die Journalistin Lebensgeschichten von Menschen, die in Österreich Zuflucht suchen und so oft dafür bestraft werden. Das Buch ist im Ecowin Verlag erschienen, hat 176 Seiten und kostet 21,90 €.