Die Zahlen sind ernüchternd: Nicht einmal mehr jeder zehnte Bürger traut Politikern zu, weise zu handeln. Sogar zwei Drittel der Bevölkerung fordern einen „Gerechtigkeitstest“ für politische Entscheidungen. In der Enttäuschung über ein wahrgenommenes Versagen der Eliten beschwört eine Mehrheit der Deutschen eine neue Weisheit des ehrlichen und unverfälschten Engagements. Der „einfache Mensch von nebenan, der bescheiden ist und in sich ruht“ wird so zum Sinnbild eines politischen und wirtschaftlichen Systems, das an seine Grenzen stößt. Das sind die Ergebnisse einer Repräsentativbefragung, die die gemeinnützige Stiftung für Philosophie Identity Foundation anlässlich des Welttages der Philosophie veröffentlicht hat.

Was bewegt die Deutschen? Foto: Landwehr.

Was sich hier zur Zeit vollzieht, ist ein Abgesang auf die einstige Leitbildfunktion öffentlicher Institutionen. Neun von zehn Bürgern beklagen fehlenden Anstand in Politik und Wirtschaft und bemängeln Illoyalität und Unfairness in der öffentlichen Sphäre. Sie kritisieren einen systemischen Funktionalismus, der zunehmend nur noch sich selbst zu dienen scheint, anstatt sich einer Perspektive des Gemeinwohls verpflichtet zu fühlen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hält diesen Verwerfungen die Lebensklugheit der Eltern- und Großelterngeneration entgegen, da sie hier eine nicht korrumpierte Authentizität vermutet, die die institutionellen Repräsentanten vermissen lassen.

Das mag auf den ersten Blick nach Retro-Romantik und Regression ins Private riechen. Denn es erscheint mehr als fraglich, dass die in den Stand einer neuen Weisheitselite Erhobenen den komplexen Fragen der Zeit wirklich gerecht werden können. Schließlich haben es die Themen, die die Bevölkerung auf die Agenda setzt, in sich. Zu den philosophischen Fragen, die für die Menschheit besonders wichtig sind, gehören in den Augen von bis zu drei Vierteln aller Deutschen: wie die Welt gerechter werden kann, wie die Gesellschaft menschlicher gestaltet werden kann, wie sich die Selbstachtung und Würde der Menschen schützen lassen, wie man moralisch handeln kann, wie man zu einer Politik finden kann, die den Menschen dient und wie man der heutigen Unsicherheit der Daseinsumstände besser begegnen kann. In Anbetracht der Größe dieser Aufgabe wirkt der Wunsch nach einer neuen „Bottom-up“-Elite zunächst wie eine Fluchtbewegung, die verzweifelt nach neuen Vorbildern Ausschau hält, die sich noch nicht durch ein Scheitern im öffentlichen Diskurs diskreditiert haben.

Andererseits kristallisiert sich anhand der Daten der Studie auch eine sehr reale „Do-it-yourself“-Bewegung heraus, die bereits dabei ist, einen neuen Diskurs der Reflektion zu eröffnen, der an den bestehenden Institutionen vorbei navigiert. Mehr als die Hälfte aller Deutschen initiiert parallele Stränge der kritischen Auseinandersetzung in ihren privaten und semi-öffentlichen Netzwerken, in Familie, Freundeskreisen und beruflichem Umfeld, und formiert so eine neue Form der „Bypass“-Demokratie. Als „Hidden Champions“ verfolgen diese Akteure ihre eigene Agenda, die sowohl soziale, ökologische, wirtschaftliche oder auch psycho-spirituelle Ziele umfasst. Ihr einigendes Band sind die Bezüge zu einer hohen ethisch-moralischen Verbindlichkeit und die Berufung auf metaphysisch-philosophische Begründungszusammenhänge, die eine universale Gültigkeit beanspruchen anstatt sich auf Partialinteressen zu richten.

Hält hier ein neuer Geist des Denkens und Handelns Einzug, der eine Lösungskompetenz höherer Reichweite mit sich bringt? Den Beweis werden die neuen zivilgesellschaftlichen Bewegungen noch antreten müssen. Eines steht jedoch bereits fest: Ein „weiter Machen wie bisher“ scheint – die täglich neuen Umfragen illustrieren dies eindrücklich – keine Option mehr zu sein.