Sven H. Korndörffer


Unsere Erfahrung zeigt: Werteorientierung erhöht in der Regel die Wertschöpfung. Wertegemeinschaften sind daher immer auch starke Leistungsgemeinschaften. Das erkennen auch immer mehr Unternehmen. Insofern lautet meine Antwort eindeutig „Ja“ – auch wenn natürlich in Sachen Werteorientierung noch viel zu tun bleibt.

Um welche Werte geht es bei dieser Frage eigentlich?

Wir haben Kernwerte mit Führungskräften aus unterschiedlichen Branchen in zahlreichen Diskussionsrunden und auf Werteforen definiert und geschärft, neu gefasst und wieder überarbeitet. Dabei haben sich sechs Werte als besonders relevant herausgestellt: Nachhaltigkeit, Integrität, Vertrauen, Verantwortung, Mut und Respekt.

 

Wie können es Unternehmen schaffen, dass bestimmte Werte in einem Unternehmen etabliert werden?

Werte können am wirkungsvollsten durch vorbildhaft handelnde Führungspersönlichkeiten etabliert werden. Eine Vertrauensbasis herstellen, Verantwortung übertragen, Raum für Ideen geben, Entscheidungen nachvollziehbar machen: Diese Punkte bilden die Basis für ein positiv-konstruktives Miteinander und damit letztendlich auch für eine optimale Teamleistung. Einen Wertekodex niederzuschreiben und diesen in die Organisation zu tragen, ist sicherlich ein wichtiger Prozess. Doch wenn die Werte nicht vorgelebt werden, wirkt „produzierter Hochglanz“ in Broschüren kontraproduktiv.

Besteht dabei nicht immer die Gefahr, dass dort eine Schaufensterpolitik betrieben wird? Es hört sich immer gut an, wenn man bestimmte Werte in der Unternehmensphilosophie betont. Aber sieht der Berufsalltag nicht ganz anders aus?

Werteorientierung muss im Alltag verankert werden, sonst bleibt sie bloße Theorie. Das heißt, dass eine wertebasierte Unternehmenskultur sich zunächst in Leitlinien für die tägliche Praxis übersetzen lassen muss. In einem zweiten Schritt müssen sich diese Leitwerte auch im täglichen Miteinander bewähren. Es hat sich übrigens in dieser Hinsicht eine Menge getan: In unserer Führungskräftebefragung 2010 waren zwei Drittel der Befragten der Meinung, dass sich die Chancen zur Umsetzung von Werten in ihren Unternehmen verbessert haben.

 

Sie sind ja Vorsitzender eines Vereins der sich mit Werte bewusster Führung befasst. Wie sollte diese Ihrer Meinung nach aussehen?

Nach meiner Erfahrung gehört neben der obligatorischen Fach- und Beurteilungskompetenz, die eine Führungskraft mitbringen muss, eine hohe Sozialkompetenz mit ins Zentrum des Anforderungsprofils. Gute Führungskräfte wissen um die fachlichen sowie um die persönlichen Stärken und Schwächen ihrer Mitarbeiter. Sie setzen dieses Wissen ein, um Mitarbeiter zu motivieren und an ihren Aufgaben wachsen zu lassen.

 

Wo können Führungskräfte so etwas lernen?

Die entscheidende Prägung erfahren Menschen meist lange bevor sie Führungskraft werden. Sie bringen also eine – mehr oder weniger stark ausgebildete – Sozialkompetenz in ihre Unternehmen mit. Diese lässt sich im Verlauf der Karriere weiter gezielt schulen und ausbauen.

Wird bei der Ausbildung von Managern zu wenig auf diese Punkte geachtet?

Hier hat sich in letzter Zeit sehr viel bewegt. An den Wirtschaftsfakultäten nimmt das Thema Ethik immer breiteren Raum ein. Und in den Unternehmen gibt es inzwischen viele Ansätze, die Werteorientierung von Mitarbeitern und deren wertekonformes Verhalten zu hinterfragen. Unternehmenswerte sind heute aber auch ein entscheidender Faktor bei der Auswahl des Arbeitgebers. Die Unternehmen wissen das und stellen sich darauf ein.

 

In Ihrer Führungskräftebefragung konnten Sie auch nach der Wirtschaftskrise einen hohen Stellenwert des Themas feststellen. Sind gewisse Lehren aus der Krise also angekommen?

Die Krise hat gezeigt, wohin fehlende Werteorientierung führen kann. Sie hat so eindeutig das Bewusstsein von gelebten Werten im Unternehmen als Führungsinstrument und als Weg zu höherer und nachhaltigerer Wertschöpfung geschärft. Wie unsere Befragung zeigt, sind immer mehr Führungskräfte heute entschlossen, die eigenen Werte im Zweifelsfall auch gegen eine scheinbare betriebswirtschaftliche Logik durchzusetzen. Und sie machen in Sachen Werte immer weniger Kompromisse.

Sie selbst arbeiten bei einer Bank. Viele haben den Eindruck, dass bei Banken bereits jetzt so weiter gemacht wird wie vor der Finanzkrise. Ist die Gier stärker als das Wertebewusstsein oder täuscht dieser Eindruck?

Manager aller Branchen stehen im Spannungsfeld zwischen Renditeerwartungen und Werten, das ist heute nicht anders als vor und während der Krise. Die große Mehrheit von ihnen ist integer. Aber es gibt immer wieder Ausnahmen – und gerade die verzerren das Bild in der Öffentlichkeit.

 

Sie sind also ein Optimist? Ist Optimismus auch ein Wert?

Ich bin Berufsoptimist, aber Optimismus ist kein Wert an sich. Wenn man jedoch werteorientiert und nachhaltig handelt, hat man allen Grund optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Sven H. Korndörffer
Sven H. Korndörffer ist Vorstandsvorsitzender des Vereins Wertekommission. Er arbeitet als Managing Director bei der Aareal Bank AG und ist dort für den Bereich Corporate Communications verantwortlich. Korndörffer studierte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und erwarb dort 1994 sein Diplom in Volkswirtschaftslehre. Von Juli 1995 bis April 2007 war er in verschiedenen Funktionen bei der Norddeutschen Landesbank tätig, zunächst im Stabsbereich Kommunikation und Internationale Beziehungen, danach als persönlicher Assistent des Vorstandsvorsitzenden. Zuletzt leitete er als Bankdirektor den Vorstandsstab der Bank.