Tijen Onaran

Karlsruhe. Ein Fußballspiel des türkischen Kulturvereins gegen die Mannschaft des Bundesligisten KSC in Karlsruhe. Sport verbindet Kulturen und Menschen, die sonst aneinander vorbeigehen. Organisiert hat es Tijen Onarans Vater. Der Architekt lebt nun seit über 40 Jahren in Deutschland und hat eine Mustereinbürgerung hinter sich. Seine Tochter Tijen ist 23 Jahre alt (geb. 25.3.1985) und studiert Politikwissenschaften, Geschichte und Öffentliches Recht an der Universität Heidelberg. Langes schwarzes Haar, leicht gebräunte Haut, dunkle große Augen im geschminkten Gesicht. Das Vorbild der Studentin mit den großen Ohrringen ist ihre Mutter, ihr größter Erfolg: 8,7 Prozent der Landtagswahlstimmen in Baden-Württemberg 2006 im Alter von 20 Jahren. Das war sogar mehr als ihr Vorgänger, doch gereicht hat es für den Einzug im Landtag noch nicht.

„Frustriert hat mich das nicht, man kann es nur frustriert gestalten“, sagt Tijen, die auch von Ex-Bundesaußenminister Klaus Kinkel beim Wahlkämpfen unterstützt wurde. Die Medien mögen sie, die Zeitschriften Capital und Politik + Kommunikation haben sie im Ranking unter die Top 50 der Nachwuchspolitiker in Deutschland gekürt. Doch was ist das wichtigste Ziel dieser jungen Frau? Sie will sich einsetzen für mehr Vielfalt, Chancengleichheit und persönliches Verantwortungsbewusstsein, was für sie nur durch mehr Liberalismus zu erreichen sei. Von jedem anderen Politiker würde dieses Credo wie Plattitüden klingen – nicht aber von ihr. Das Strahlen in ihren dunklen Augen, die lebendigen Gestik ihrer Hände und das Wackeln ihrer Ohrringe verrät, dass sie mehr will, als nur Polit-Talk auf dem Sofa zu machen.

Es mag verwundern: Ihr Aussehen ist türkisch, irgendwo im Orient anzusiedeln. Auch ihre warme, temperametvolle dialektale Färbung in der Stimme lässt darauf schließen. Und die Partei? Na, wenn schon Politik dann doch wohl eher bei den Grünen oder der Linken? Traditionsgemäß finden sich bei den Grünen die meisten Zuwanderer – wegen dem Schutz von Minderheiten. Doch weitgefehlt: An ihren fünf Fingern hat sie sich in der Oberstufe abgezählt, wo sie hingehen will. Die großen Volksparteien CDU und SPD fielen ebenso aus dem Raster – blieb nur noch die FDP übrig, deren liberale Ausrichtung ihr sofort gefallen habe: „Der Freiheitsgedanke überzeugt mich, der Ansatz, dass jeder für sich verantwortlich ist“, sagt die Jung-Liberalin.

Ihre erste politische Erfahrung hat Tijen bei den Jungen Liberalen gemacht. Doch auf Bundesebene ist Tijen nicht die einzige mit muslimischen Hintergrund. Mehmet Daimagüler hatte es sogar schon bis in den Bundesvorstand der FDP gebracht. Er gründete 1993 auch die „Liberale Türkisch-Deutsche Vereinigung“ (LTD), der heute über 500 Mitglieder angehören, rund 50 Prozent davon haben ein liberales Parteibuch in der Tasche. In der Parteispitze wird dieser Verein wahrgenommen, denn der Draht zu Guido Westerwelle ist kurz genug.

Doch warum engagieren sich Muslime in der deutschen Politik? In Deutschland leben mehr als zwei Millionen Menschen, die ursprünglich aus der Türkei kommen. Über 600.000 haben einen deutschen Pass, zwei Drittel von ihnen dürfen wählen. Trotzdem sind Menschen mit Migrationshintergrund in der Bundespolitik noch eine Ausnahme, wenn auch die Parteien mittlerweile für Zuwanderer als Neumitglieder werben. Für Türken wie Bülent Aslan ist die CDU die ideale Partei, wegen dem konservativen Ansatz. Wie er kommen über 2.000 Christdemokraten aus türkischem Hause. Die Mehrheit tummelt sich aber weiterhin bei der SPD und den Grünen, denn die CDU macht sich keine Freunde bei Zuwanderern mit Themen wie der EU-Beitritt der Türkei oder Einbürgerungstest.

Ob Kopftuch, Minarett-Bau oder Einbürgerungstest: Streit mit dem Islam gibt es jede Menge in Deutschland. Doch die Lebensentwürfe der Muslime ist hierzulande mittlerweile genauso vielfältig wie im Christentum auch. Das sich christlich und türkisch-muslimisch rein menschlich gesehen nicht wirklich widersprechen, zeigt Tijen auch in ihrem liberalen Lebenslauf. Mit türkischen Eltern zuhause war sie an einer katholischen Mädchenschule und hatte im Abitur Religion als Leistungskurs – Note sehr gut. Klingt besonders christlich oder religiös, ist sie aber nicht. Trotzdem bleibt sie als Deutsch-Türkin mit ihrer liberalen Meinung sowohl unter Türken als auch in der FDP etwas Besonders.

Einen Tag vor der Landtagswahl Baden-Württembergs 2006, bei der sie für den Wahlkreis Karlsruhe West als FDP-Kandidatin antrat, wurde Tijen erst 21. Dabei spielte sie in einem Kino-Werbespot mit, wurde fleißig in der Stadt Karlsruhe plakatiert, diskutierte mit ihren wesentlich älteren Konterfeis auf Podien. Häufig ist sie darauf angesprochen worden, das sei erstmal komisch für sie gewesen. Dabei habe sie auch gerne zugegeben, auch Dinge nicht zu wissen, aber lernen zu wollen. Das sei gut angekommen: „Ich war überglücklich, nominiert zu werden – auch wenn mir klar war, dass ich Vorurteilen begegnen würde“, sagt die Muslimin mit dem charmanten Lächeln.

Dabei ging es nicht nur um Ausländer und den Islam: „Werde doch erstmal erwachsen“, hätte mancher Spruch gelautet. Die Tochter eines türkischen Einwanderers hat gelernt, damit gelassener umzugehen, sie würde daran lernen. Doch auch die Studentin Tijen lernt, Wahlkampf zu machen. Dabei spricht sie am liebsten über Bildung, Familie und Integration – mit der Note, man könne was verändern, wenn man nur will. Tijen will etwas erreichen, das merkt man ihr an. Sie will etwas erreichen, indem sie sich in der Politik einmischt. Immer wieder spricht sie dabei vom Recht auf Selbstbestimmung und der Notwendigkeit, ihre liberale Ideen auch in der Wirklichkeit umzusetzen. Das Rumdiskutieren ohne Ergebnisse hat sie schon in der Schule genervt.

Doch Bildung ist ihr vor allem wichtig: „Bildung muss flexibler und freier werden“, fordert die Deutschtürkin, die im sechsten Semester Politik studiert. Die Bildungspolitik in den Kindergärten müsse gestärkt werden, der „Muslimetest“ sei in seiner derzeitigen Form noch unangemessen, das „Gießkannenprinzip“ in der öffentlichen Verwaltung müsse ein Ende haben. Ihr politisches Leitmotiv bei allem sei aber die Gleichberechtigung – nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Immerhin erlebt sie die Integration als Deutsche mit türkischen Wurzeln hautnah. Sie will ein Miteinander schaffen von Multikulti, keine Parallelgesellschaften in einem Land.  „Zu viele, Deutsche als auch Ausländer fühlen sich auf den Schlips getreten“, sagt Tijen. Köpfe könne man nicht einfach umcodieren. Das merke man auch bei den Erziehungscamps, die für die Studentin nicht mal eine Notlösung akuter Probleme sind. Als Lösung sieht die aufgeschlossene Denkerin die Vermittlung eines gesunden Selbstbewusstseins von Kindesbeinen an. Wie man das genau anstellen kann, um sowohl Ghettos, Arbeitslosigkeit als auch Kriminalität besonders bei Jugendlichen einzudämmen, da ist auch Tijen ratlos. „Ich vertraue auf 90% Eigendynamik, auf die erste Hürde kommt es an, eine Motivationssache“, sagt sie.

Die Terrororganisation Al Quaida ist für sie fundamentalistischer Missbrauch von Religion, da gibt es für sie keinen Zweifel. Dem EU- Beitritt der Türkei steht sie kritisch gegenüber. Sie weiß, wovon sie spricht: Während im Westen des Kandidatenlandes Frauen in der Politik mitmischen, herrschen im Osten noch traditionelle angespannte Strukturen wie Zwangsarbeit, die Unterdrückung der Frau – darunter auch Anschläge auf Christen. Alles in allem sei die Türkei aber auf einem guten Weg, der noch viel Zeit brauche. So in etwa geht es auch ihr selber: Nach ihrem Abitur 2004 steht er vier Jahre danach die Welt noch offen. Teile davon spiegeln sich in ihrem Gesicht wieder – das hitzköpfige Temperament aus dem Vorderen Orient, aber auch die Courage und das Durchsetzungsvermögen einer jungen Politikerin von morgen.