Ein unwahrscheinlicher Aufstieg

Engin Kundag (links) mit seinem Co-Regisseur Elmar Imanov. Foto: privat.Szenen aus Kundags Abschlussfilm "Ararat", der im ostanatolischen Heimatdorf seiner Eltern gedreht wurde. Foto: privat.Engin Kundag (3. v. r.) und Elmar Imanov bei der Fragerunde nach der Vorführung ihres Kurzfilms "Torn" in Cannes. Foto: privat.Der Filmemacher aus dem sozialen Brennpunkt vor dem roten Teppich in Cannes. Foto: privat.

Engin Kundağ schreibt Geschichten. Als Drehbuchautor und Regisseur erfindet der 30-Jährige neue Wirklichkeiten. Die überraschendste seiner Geschichten ist seine eigene. Es ist die Geschichte eines Sohnes türkischer Einwanderer mit aserbaidschanischen Wurzeln, eines Arbeiterkindes, dem die Gesellschaft nicht gerade gute Zukunftsaussichten bescheinigen würde.

 

Sein Vater hat seine Hütte in Ostanatolien aus Kuhmist gebaut. Seine Mutter hat nie eine Schule besucht. In Deutschland arbeiten sie hart in Fabriken, der Vater schleppt Leder, die Mutter steckt Teile am Fließband zusammen.

„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Kinder mit so einem sozialen Background akademisch und beruflich erfolgreich sein werden“, sagt der Soziologe und Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani, der an der Fachhochschule Münster zu den Themen Bildung und Migration forscht. Unwahrscheinlich, das heißt in Zahlen: 40 bis 50 Prozent des späteren Einkommens und Bildungserfolgs sind durch die Herkunft determiniert – das ergibt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Engin Kundağ ist so ein unwahrscheinlicher Fall. Dieses Jahr hat er, zusammen mit dem deutsch-aserbaidschanischen Regisseur Elmar Imanov, seinen Kurzfilm „Torn” auf den wichtigsten Filmfestspielen der Welt, in Cannes, gezeigt. Der Film lief in der unabhängigen Sektion Quinzaine des Réalisateurs. Dort zeigten namhafte Regisseure wie Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder und Martin Scorsese schon ihre Debüts. Derzeit schreibt Kundağ an dem Drehbuch zu seinem ersten langen Kinofilm, „Angst“. Der Mann aus dem sozialen Brennpunkt ist zur Zukunft des deutschen Kinos geworden.

Perspektive Bushaltestelle

Kundağ wächst im rauen Bielefelder Stadtteil Senne-Windflöte auf, einem Ort, in den viele Wege führen, aber aus dem heraus es nur wenige Wege gibt. Viele Menschen sind arbeitslos, manche kriminell. „Die Perspektive der jungen Leute hier ist die Bushaltestelle Windflöte, an der sich alle immer treffen, aber von der niemand abfährt“, sagt Engin Kundağ.

Seine Geschichte hätte auch an dieser Bushaltestelle enden können. Als Jugendlicher prügelt er sich oft, denn, sagt er heute, „sonst ziehst du den Kürzeren“. Er spielt viel Fußball, hängt auf dem Spielplatz herum. Schule interessiert ihn nicht. Aber Kundağ denkt viel, fantasiert, malt sich Geschichten aus. „Ich war immer anders als die anderen. So richtig reingepasst habe ich nicht, deshalb wollte ich ausbrechen“, erzählt er.

„Bildungsaufsteiger zeichnet nicht aus, dass sie reich und berühmt werden wollen“, sagt Wissenschaftler El-Mafaalani. Das wollten alle Menschen aus einem sozial schwachen Milieu. „Diejenigen, die dann tatsächlich aufsteigen, haben vor allem das Bedürfnis, sich selbst zu verändern und ihren Handlungsspielraum zu erweitern, weil sie sich zu fremdbestimmt fühlen.“

Keine Unterstützung von außen

Kundağ macht nur dann Hausaufgaben, wenn es darum geht, eine Geschichte zu schreiben. Dann schreibt er sogar mehrere und verteilt sie an seine Freunde. Seine Englischlehrerin sieht sein Talent und fördert ihn, indem sie ihn Geschichten für die ganze Klasse schreiben lässt, und so tut, als bemerke sie nicht, dass sie alle aus seiner Feder stammen.

„Ob ein Bildungsaufstieg angegangen wird, hängt sehr oft damit zusammen, ob jemand aus einem höheren Milieu diesen fördert“, sagt El-Mafaalani. Abgesehen von der kleinen Unterstützung durch die Lehrerin bekommt Kundağ keine Hilfe von außen, im Gegenteil. „Hätte ich auf die Menschen von außen gehört, wäre ich immer noch in der Windflöte“, sagt Kundağ.

Die meiste Unterstützung bekommt er von seinen Eltern. Sie wollen, dass er studiert. Dieser Anspruch ist laut El-Mafaalani eher ungewöhnlich. „Oft sind die Eltern schlechte Berater und empfehlen ihren Kindern, etwas Sicheres, Handfestes zu machen, also in der Regel eine Ausbildung. Dann kann man froh sein, wenn die Eltern der Karriere zumindest nicht im Weg stehen.“ Das hänge oft mit der finanziell prekären Situation der Familie zusammen.

Selbst wenn junge Menschen aus benachteiligten Milieus studieren, beenden sie oft nicht das Studium. „Studienabbrüche sind in diesen Milieus viel häufiger“, sagt El-Mafaalani. „Die Leute brechen jedoch nicht wegen Minderleistung ab, sondern weil sie sich unwohl fühlen, als seien sie nicht auf dem richtigen Platz.“ Besonders bezeichnend sind laut El-Mafaalani die Fälle, in denen Akademiker nach Studienende Berufe ergreifen, für die sie gar kein Studium gebraucht hätten.

Auch Engin Kundağ bricht nach zwei Semestern Psychologie und Philosophie sein Studium ab. Auch er fühlt sich unwohl. Mit seinem familiären Hintergrund hat das jedoch nichts zu tun. Er will Geschichten erzählen. Dafür verlässt er den sozialen Brennpunkt, die Windflöte, nimmt einen Kredit auf und studiert Drehbuch und Regie an der Internationalen Filmschule Köln.

„Ohne meine Eltern hätte ich das nicht geschafft“

Kundağs Eltern unterstützen ihn nach Kräften. „Alle haben immer gelacht, Filmemachen sei brotlose Kunst“, sagt Kundağ. „Meine Eltern aber haben immer hinter mir gestanden, haben mir vertraut, obwohl sie nicht verstanden haben, was ich mache. Ohne sie hätte ich das nicht geschafft.“

Viele Bildungsaufsteiger empfinden laut El-Mafaalani ein Gefühl der Zerrissenheit. „Diese Menschen müssen auf dem Weg nach oben viel zurücklassen“, sagt er. „Sie sind lange Zeit in einer Zwischenposition: von zu Hause weg aber noch nirgendwo angekommen.“

Kundağ ist zwar schon angekommen, führt aber immer noch ein „Doppelleben“, wie er sagt, ist „hin- und hergerissen zwischen Straße und rotem Teppich“. Kundağs Studienabschlussfilm „Ararat“ läuft 2012 auf der Berlinale und gewinnt zahlreiche Preise. Mit „Torn“ ist er in Cannes, dem Mekka der Filmemacher, zu sehen. Der Kurzfilm, gedreht im aserbaidschanischen Baku, erzählt die Geschichte von Vater und Sohn, die beide beim Versuch, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, scheitern.

Scheitern hat für Kundağ eine besondere Bedeutung. „Der Absprung aus dem Mikrokosmos Windflöte war nicht leicht“, so Kundağ. „Ich hatte große Angst, gescheitert zurückzukehren.“ Umso schöner sei es, den zurückgebliebenen Menschen nun die Perspektive aufzeigen zu können, „dass man sehr wohl die Bushaltestelle hinter sich lassen kann“. Kundağ: „Auch wenn meine Filme die Menschen in der Windflöte vielleicht nicht bewegen, bewegt sie, dass ich meinem Herzen erfolgreich gefolgt bin, obwohl das alle für utopisch gehalten haben.“

Bildungsforscher El-Mafaalani bestätigt, dass Bildungsaufsteiger eine Vorbildfunktion einnehmen können. „Der Effekt ist aber relativ klein aus der Ferne. Um wirklich etwas zu bewegen, müssen Bildungsaufsteiger dort präsent sein und aktiv werden, wo sie herkommen.“ Oft sei genau das Gegenteil der Fall und Aufsteiger wollten mit ihrer ehemaligen Umgebung nichts mehr zu tun haben.

Für Kundağ gilt das nicht. Seine Familie in Bielefeld besucht er oft. „Zuhause bin ich eher in der Windflöte als in der Filmwelt. Die Windflöte ist einfach und ehrlich.“