Katrin Göring-Eckardt ist ruhig, argumentiert sachlich, sieht adrett aus und ist sehr nett. Die Frau, die nicht wie ein Kriegsverbrecher heißen wollte und daher den Doppelnamen wählte, die bekennende Protestantin, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, ist einfach durch und durch nett.

Eben diese Mischung aus Freundlichkeit und Langweiligkeit. Katrin Göring-Eckardt ist unter Politikern wie Hannover unter den deutschen Städten: So schön gewöhnlich, so durchschnittlich, so ordentlich, dass sich jeder irgendwie mit ihr identifizieren kann. Die grünen Parteimitglieder wählten KGE mit überraschendem Vorsprung zur Spitzenkandidatin. Manch einer in der Partei wunderte sich. Aber viele der Mitglieder, die nicht unbedingt auf Parteiveranstaltungen anzutreffen sind, sind eben auch nette Menschen.

Katrin Göring-Eckhardt. Foto: Jonas Fischer

Katrin Göring-Eckhardt. Foto: Jonas Fischer

Beim Parteitag in Hannover will Göring-Eckardt keine Zweifel aufkommen lassen. Das Gerede um eine schwarz-grüne Koalition weist sie von sich. „Es gab viele Reaktionen auf meine Wahl als Spitzenkandidatin neben Jürgen Trittin, aber die härteste war die von Kristina Schröder.“ Die CDU-Familienministerin hatte verlauten lassen, sie sehe Gemeinsamkeiten zwischen den von ihr und KGE vertretenen Forderungen. So schwebt denn „Schwarz-Grün“ wie ein Unwort über der Hannoveraner Veranstaltung. Die größtmöglichste Distanz zur CDU wurde bei jeder Gelegenheit betont: „Liebe CDU, wir wollen eure Wählerinnen und Wähler, die haben auf uns gewartet“, sagt Göring-Eckardt. Aber zusammen regieren, das wolle man nicht. Die CDU sei zu wenig weltoffen.

Göring-Eckardt ist im Gegensatz zu den meisten grünen Führungskräften Mitte 40 und nicht Mitte 50. Sie wächst im Kreis Gotha auf, heiratet früh einen Pfarrer, mit dem sie zwei Söhne hat. Sie studiert Theologie ohne Abschluss, ist in der DDR in der kirchlichen Opposition aktiv. Über das Bündnis 90 landet sie bei den Grünen, schafft es 1998 in den Bundestag, wird Parlamentarische Geschäftsführerin, 2002 dann Fraktionsvorsitzende. Als Rot-Grün die Bundestagswahl 2005 verliert, wird sie zur Vizepräsidentin des Bundestages gewählt.

Für ihre Vorstellungsrede als Spitzenkandidatin in Hannover hat Göring-Eckardt einen dunklen Hosenanzug gewählt. Sie sagt, dass die Grünen in der Mitte angekommen sind. Aber natürlich nicht bewegungslos. „Wenn wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, dann, um einen nächsten großen Aufbruch zu wagen“, beeilt sie sich zu sagen. Damit ja nicht der Eindruck entsteht, mittig hieße etabliert und angepasst. Abgrenzen und überbieten, das ist ihr Motto, wenn es um politische Gegner geht. Die Merkel-CDU, das macht sie überdeutlich, ist für sie Zwang, die Grünen bedeuten Offenheit. Die SPD, das sei alte Industrie- und Basta-Politik, bei den Grünen werde zugehört.

Es sind einleuchtende Abgrenzungen, die Göring-Eckardt da trifft, und gleichzeitig sind es unsichere. Denn KGE hat sich in den vergangenen Jahren ein bisschen verhalten wie das berühmte Fähnchen im Winde.

2004 hatte sie als Fraktionsvorsitzende die Grünen auf Hartz-IV-Linie gebracht, auf einem Sonderparteitag 2003 lobte sie, dass im Arbeitslosengeld II mehr von grüner Grundsicherung enthalten sei, als man auf den ersten Blick sehe. „Die Vorschläge zu Hartz III und Hartz IV liegen auf dem Tisch. In ihren Grundzügen werten wir die Gesetzentwürfe als Erfolg“, lobte sie. Die Arbeitsmarktreform sei „mutig“ und „notwendig“.

Als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl klingt das mittlerweile anders. KGE will den Hartz-IV-Satz erhöhen und Sanktionen für Arbeitslose abschaffen. Ja, das ist die gleiche Frau, nur knapp zehn Jahre später. Dabei spricht sie immer wieder von Werten und Tugenden wie Anstand und Ehrlichkeit. „Die bürgerliche Koalition hat diese einfach vergessen.“ Als engagierte Protestantin mit ansehnlichem Amt in der Evangelischen Kirche ist es eine ihrer leichteren Übungen, die CDU moralisch in Frage zu stellen. Davon können die Grünen profitieren.

Neue Parteimitglieder sollen her, KGE will die Leute vom Hocker reißen. „Dann bleibt kein Groove ungetanzt“, sagt sie. Man glaubt es ihr. Fast. Sie will, sagt sie, zuhören, laut reden und leise, aber auf keinen Fall in „Politiksprech“ abdriften, eben nicht so wie alle anderen. Am Ende ihrer Rede auf dem Parteitag will sie die Hände nach oben reißen, um zu jubeln. Bei diesem zögerlichen Versuch erinnert sie unweigerlich an Angela Merkel.