Die junge griechische Grüne Maria Peteinaki koordiniert in Athen die Arbeit verschiedener Graswurzel-Initiativen. Sie packt die Dinge lieber selbst an, anstatt über Parteipolitik zu streiten.

Ihr lächelndes Gesicht verschwindet beinahe unter dem Berg aus schwarzen Locken, als sie sagt, dass sie auf all das Gerede über parteiinterne Politik, über Wahlkampf und Parlamentswahlen keine Lust hat. Und dass aus ihr wahrscheinlich nie eine nationale Politikerin wird. „Ich bin nicht gut darin“, sagt Maria Peteinaki, „deswegen bin ich auch lieber in den Athener Graswurzel-Bewegungen aktiv.“

Maria Peteinaki, 32, ist Mitglied einer Partei, die in Griechenland in der Bedeutungslosigkeit wabert. 0,88 Prozent der Stimmen erhielten die Grünen bei den vergangen Parlamentswahlen im Juni 2012.  Einen Monat zuvor, in der erfolglosen ersten Parlamentswahl, waren sie mit 2,93 Prozent noch knapp an der Drei-Prozent-Hürde gescheitert. „Es ist ein Desaster.“

Desaströs ist auch die Lage der griechischen Jugend. Über diese berichtete Maria Peteinaki den grünen Delegierten auf deren Konferenz in Hannover im Rahmen eines Workshops. Im grünen Rollpulli sitzt sie in einem der Nebensäle auf einem Holztisch, sie spricht auf Englisch – viel zu schnell und viel zu leise – während neben ihr ein Beamer nackte Zahlen an die Leinwand strahlt: Mehr als 30.000 Obdachlose leben derzeit in Athen. 25 Prozent Arbeitslosigkeit. 55 Prozent Jugendarbeitslosigkeit – ein trauriger Rekord. Wer kann sich in Deutschland schon vorstellen, was es bedeutet, wenn alle Freunde mit Universitätsabschlüssen arbeitslos sind, wenn sogar 35-Jährige noch bei ihren Eltern wohnen müssen und es 300.000 Familien gibt, die von der Rente ihrer Großeltern leben. „Wir haben eine ganze Generation verloren“, sagt Maria Peteinaki im Anschluss an den Workshop. Kurz danach hält Katrin Göring-Eckardt, die frisch gewählte Spitzenkandidatin der Grünen, in der Haupthalle eine umjubelte Ansprache an die Delegierten. Von mehr Europa ist darin die Rede, von einer sozialeren, besseren und ökologischeren Gesellschaft. „Wir müssen uns fragen“, ruft Göring-Eckardt in die Menge, „wie geht es eigentlich denen, die ganz draußen sind?“

Maria Peteinaki musste noch als 30-Jährige von ihren Eltern unterstützt werden, weil sie nach ihrem Uniabschluss erstmal arbeitslos war. Doch im Moment ist sie glücklich: Seit einigen Monaten steht sie als selbstständige Architektin auf eigenen Beinen. „Niemand glaubt mir, dass ich einen Job habe“, sagt sie und lacht laut. Sowieso lacht sie oft. Sie sagt, sie habe sich diesen Sommer sogar als glücklichste Person auf Erden gefühlt: „Ich habe den tollsten Freund und außerdem viel Arbeit.“ Unter ihren Bekannten ist sie damit eine Exotin. Sie kenne keinen Architekten, der nicht arbeitslos sei. Die Freunde, die die finanziellen Möglichkeiten haben, eröffnen in der Not eine Bar, denn die laufen in der Krise bestens. „Die Leute wollen sich betrinken und alles vergessen.“

Lange Zeit hat sich Maria Peteinaki nicht für Politik interessiert. Doch die Unruhen von 2008 in Athen haben sie zur Aktivistin gemacht. „Das war ein Weckruf für mich.“ Freunde und Familie finden es noch immer seltsam, dass sie sich politisch engagiert. Denn Politik ist bei den griechischen Bürgern mittlerweile verhasst, keiner vertraut den Politikern noch. „Aber wenn wir die Politik anderen überlassen, können sie damit machen, was sie wollen“, sagt Maria Peteinaki. Sie spricht nicht gerne über die großen politischen Visionen und lässt keine Floskeln von der Leier. Während sie ihre Geschichte erzählt, zupft sie sich verlegen am Ohrläppchen oder wippt mit dem Stuhl. Ihrer Partei gegenüber ist sie überraschend kritisch. Die würden viel zu viel reden, anstatt einfach mal zu handeln. Darum nimmt sie die Dinge selbst in die Hand. In Athen koordiniert sie verschiedene lokale Bürgerinitiativen im Stadtteil Psirri. So half sie etwa, ein altes Theater als alternatives Kulturzentrum wiederzubeleben. Und sie unterstützte eine Initiative für Urban Gardening auf dem Gelände einer antiken Ruine. Die Initiativen füllen mittlerweile vielerorts die Lücken, die der Staat aufgrund der Sparmaßnahmen zurückgelassen hat.

Leider werden diese Lücken auch von einer anderen Bewegung vermehrt gefüllt, einer beunruhigenden Bewegung. In vielen Stadtteilen Athens sind es nicht linke oder grüne Bürgerinitiativen, die den Anwohnern das Leben in der Krise erleichtern, sondern die neonazistische Partei Chrysi Avgi („Goldene Morgendämmerung“). Deren Mitglieder verteilen kostenlos Essen an arme Bürger und behaupten, dass sie die Gegend vor Verbrechern beschützen. In Wahrheit  verprügeln die Neonazis Immigranten auf öffentlichen Plätzen und hetzen gegen Homosexuelle. Laut Umfragewerten ist Chrysi Avgi mittlerweile die drittbeliebteste Partei Griechenlands. „Diese Neonazi-Bewegung macht mir viel mehr Angst, als es die Krise jemals könnte“, sagt Peteinaki. Diesmal lächelt sie nicht.