Boris Palmer. Foto: Landwehr.

Immer schön abwägen: Boris Palmer. Foto: Landwehr.

Damit hatte Palmer sich gelöst von seinem Vater, dem „Remstal Rebell“, der ihn für sein politisches Wirken geprägt hat. Palmer, 1972 in Waiblingen geboren, entdeckte während des Studiums in Tübingen sein politisches Talent. Als Asta-Referent für Umwelt und Verkehr, dann über die Mitgliedschaft bei den Grünen, für die er 2001 in den Landtag gewählt wurde. Für den umweltpolitischen Sprecher war das Thema Stuttgart 21 schon damals ein Thema. Seine Einschätzung zu dem Projekt hat sich seit dem nicht geändert: Einen „Jahrhundertfehler“ nennt der Schwabe das Bahnhofsprojekt. Palmer ist ein Überzeugungstäter, seine Überzeugung hat sich nicht geändert.

Doch die Rahmenbedingungen wurden andere, Palmer ist seit drei Jahren Bürgermeister. Die anfängliche Begeisterung mit umweltfreundlichen Hybriddienstwagen und der Klimaschutzkampagne „Tübingen macht blau“ sind verflogen. Der politische Alltag mit einer angespannten Haushaltslage in der Unistadt hat den OB eingeholt. Als Palmer sich vor zwei Monaten in die Elternzeit verabschiedete monierten einige, dies sei reine Symbolpolitik. Das sich Palmer in den Schlichtungsgesprächen zu Stuttgart 21 einbringt nehmen ihm ebenfalls viele übel. Als Bürgermeister habe er die Interessen der Stadt zu vertreten, und Tübingen profitiere von Stuttgart 21, so die Meinungen der Mehrheit im Gemeinderat.

Es war schon mal einfacher, für Palmer. Doch der argumentativ starke und rhetorisch geschickte Grünenpolitiker hält gegen die Vorwürfe. Bei der Elternzeit sei es ihm um sein Kind gegangen. Palmer lebt in einer Politikerehe, seine Frau ist für die Grünen im EU-Parlament, sie lebt die meiste Zeit in Brüssel. Anfragen nach Homestories habe es genügend gegeben, doch dies haben sie abgelehnt. Inszenieren oder vermarkten wolle er sich nicht mit seiner Familien, betont er. Das ihm einige Politiker dies vorwerfen sei „befremdlich und schmerzlich.“ Angriffspunkte will er vermeiden, wenn er an den Schlichtungsgesprächen teilnimmt dann nehme er sich dafür Urlaub.

Der Ton in der politischen Debatte ist rauer geworden. Wohl auch, weil viele in der CDU erkennen, das Palmer durchaus ein konservatives Milieu anspricht. Und Experten sagen ihm noch mehr voraus. Der Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling hält ihn für einen sicheren Anwärter auf ein Ministeramt in einer möglichen rot-grünen Landesregierung.

Doch der verspricht, dass er bis 2014 Chef im Tübinger Rathaus bleiben möchte. Auch wenn er einräumt: „Es ist nicht so, das ich unter Garantie sage, egal was passiert, ich werde nichts anderes mehr tun.“ Auf dem Parteitag der Grünen in Freiburg will er sich in den Parteirat wählen lassen. Und dafür hat er auch ein gutes Argument: Er will für die Grünen die Wählerschichten erweitern. Als Pragmatisch in der Sache beschreibt sich Palmer – das gilt wohl auch für seine nächsten Karriereschritte: „Ich kann garantieren, dass ich nicht OB in Stuttgart, Tübingen und Minister in einem Kabinett sein werde“, sagt er und lacht.