Politik auf dem Schild Klimawandel, Finanzkrise, Überwachungsskandal – lösen Politiker die Probleme oder sind sie selbst ein Teil dessen? Viele Jugendliche fühlen sich nur falsch repräsentiert von den Volksvertretern. Dabei könnten sie mit Aufrichtigkeit und Authentizität viel mehr gewinnen.

Während sich die Kanzlerkandidaten um Volksnähe bemühen, hat die junge Generation größere Sorgen, als dass ihr der Himmel auf den Kopf fällt: Das ist bekanntlich die Phobie des Gallierhäuptlings Majestix, der über dem Volk schwebt, von zwei Angestellten auf einem Schild durchs Leben getragen. Können uns die Abenteuer von Asterix helfen, Politik zu verstehen?

Klimawandel, hohe Arbeitslosigkeit (v.a. im EU-Ausland), eine scheinbar unendliche Wirtschaftskrise und internationaler Terrorismus: Obwohl die junge Generation derartige Meldungen gewohnt ist, spürt sie eine latente Verunsicherung und Haltlosigkeit. Politischer Willensdrang wirkt vorgespielt, Beschwichtigungen bei Wahlkampfreden können das tiefe Brodeln nur bedingt übertönen. Verlorenes Vertrauen kann nicht durch gutes Zureden weggewischt werden. Rastlosigkeit grassiert.

Und das gilt für die ganze Generation. So kann man konstatieren, dass die Sehnsucht nach einer grundlegenden Veränderung existiert, aber nur vage formuliert werden kann. Und man merkt auch, dass keiner der Kandidaten der jungen Generation das Gefühl gibt, er oder sie könne diese Veränderung herbeiführen. Es gibt nicht dieses „Change“-Gefühl, das Barack Obama bei seiner Kandidatur 2008 heraufbeschwören konnte. Welcher deutsche Kanzlerkandidat hat auch nur ansatzweise das Charisma, das Obama ausstrahlte?

In den Medien rechnet man die Absurdität von Wahlversprechen durch, die wie hohle Phrasen erscheinen. Dabei verdankte die FDP ihre 14,6 % bei der Bundestagswahl 2009 hauptsächlich der utopischen Ankündigung, die Steuern zu senken. Eigentlich kann man niemandem vorwerfen, nach dem Unmöglichen zu streben. Es ist nur so, dass Unmöglichkeiten angepriesen werden, aber der Glaube fehlt, dass das Angepriesene verwirklicht werden soll. Wie soll man sich auf dieser Grundlage für einen Kandidaten entscheiden?

Kehren wir zurück in das unbeugsame, gallische Dorf. Wer auf dem Schild steht, macht sich von seinen Trägern abhängig. Es kann schnell lächerlich wirken, wenn man auf plumpe Weise runter fällt (Majestix stürzt in den Asterix-Abenteuern mehr als 20 Mal von seinem Schild). Was ist daran fatal? Die Inszenierung von Politikern gehört im heutigen, medienbestimmten Politikbetrieb zu den wichtigsten Aspekten. Wenn der kantige, kalte Peer Steinbrück auf einer Pressekonferenz unerwartet weint, dominiert dieser emotionale Ausbruch tagelang die Schlagzeilen. Jede Bewegung, jede Geste, jede Aussage wird pedantisch überprüft und interpretiert. Fehler werden unerbittlich in den Mittelpunkt gerückt. Die Sensationsgier führt zu ständig neuen Gerüchten, Spekulationen und Enthüllungen. Wenn sich also Majestix lächerlich macht, ist das wesentlich lukrativer für die Medien, als eine sachliche, inhaltliche Ankündigung oder ein vernünftiges Statement. Somit fällt es schwer, bei einem Thema zu bleiben, wenn eigentlich nur der nächste Skandal herbeigesehnt wird.

Wie sollten also Inhalte und Inszenierung zueinander stehen? Wenn die oberflächliche Wirkung über die inhaltliche Tiefe gestellt wird, merkt man das irgendwann. Wenn Politiker also Volksnähe versprechen, kann das auch nur der Vorwand sein, um inhaltliche Ratlosigkeit zu überspielen. Wer mit der Masse verschmilzt, muss sich nicht abheben. Denn dort fällt es nicht auf, wenn man keine Antworten hat, auf die Fragen der Gegenwart. Wer im Volk verschwindet, wer sich der Festlegung verweigert, kann nicht angegriffen werden, weil es schlichtweg keine Angriffsfläche gibt. Verteidigungsminister Thomas de Maizière drückte sich in der Drohnen-Affäre um die – von ihm selbst eingeforderte – Verantwortung. Und Angela Merkel reagiert auf den Abhör-Skandal mit gewieftem Ausweichen. So droht Stagnation.

Wer sich auf das Schild stellt, hebt sich ab und gewinnt Profil. Wer einen Standpunkt vertritt, legt sich fest. Ein Standpunkt macht angreifbar und setzt Verbindlichkeit voraus. Wie soll man also mit Wahlversprechen umgehen, die haltlos wirken? Wir können sie durchschauen, wenn wir lernen, uns nicht von den schillernden Reden blenden zu lassen. Wir können lernen, uns kritisch mit den Inhalten auseinandersetzen. Und wir können Aufrichtigkeit und Authentizität einfordern. So kann eine neue Dynamik entstehen, die leere Versprechen überwindet und Veränderung möglich macht.