Das Lager „Camp Marmal“ in Mazar-e- Sharif: Ende mit Schrecken – und danach? Foto: Sebastian Christ

Das Lager „Camp Marmal“ in Mazar-e- Sharif: Ende mit Schrecken – und danach? Foto: Sebastian Christ

Wir haben es geschafft: Wir sind wieder Weltmeister. Verdrängungsweltmeister. Und natürlich ist das kein Grund zu jubeln. Keine der knapp 40 am Afghanistan-Einsatz beteiligten Nationen geht derart wortlos mit dem um, was gerade am Hindukusch passiert. Wir müssten uns streiten, wir müssten uns schämen, wir müssten auch mit Stolz von dem reden, was trotzdem erreicht wurde. Stattdessen: Schweigen.

Uns geht der Krieg in Afghanistan allein schon deswegen etwas an, weil die allermeisten Deutschen in den vergangenen zehn Jahren eine Partei gewählt haben, die den Einsatz unterstützt hat. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Deutsche Soldaten werden nicht von Generälen in den Krieg geschickt, sondern von Abgeordneten. Und damit von uns allen. Der grüne Studienrat von nebenan hat genauso Krieg geführt wie der liberale Unternehmer aus dem Villenviertel oder der christdemokratische Handwerksmeister vom Stadtrand. Es ist schlichtweg verlogen, sich dieser Verantwortung zu entziehen. Gegenüber den Afghanen, denen die Bundesregierung eine bessere Zukunft versprochen hat. Und auch gegenüber den Soldaten und Wiederaufbauhelfern, die ihr Leben für eine Sache einsetzen, die (fast) alle wollten, aber an die sich jetzt niemand mehr erinnern will.

Wenn doch über Afghanistan geredet wird, dann fast nur noch über die Art und Weise des Abzugs. „Raus aus Afghanistan!“, plakatiert die Linkspartei seit Jahren. Und was ist mit denen, die nicht raus können? Ich habe selbst in Mazar-e-Sharif mit einem jungen Anglisten reden können, der für die Bundeswehr als Übersetzer arbeitet. Er ist einer von bis zu 200.000 Afghanen, die mit den Deutschen während der vergangenen zehn Jahre zusammengearbeitet haben. „Natürlich werden sie mich suchen. Und sie werden mich auch finden“, antwortete er auf die Frage, was nach einem Machtwechsel passieren würde. Er vertraue auf die Hilfe der Deutschen. Sie würden ihm und seiner Familie schon Zuflucht bieten. Es war nicht ganz einfach, ihm zu erklären, dass die meisten Deutschen sich überhaupt nicht für ihn und seine Familie interessieren. Dass es den meisten Deutschen völlig egal zu sein scheint, was nach dem Abzug der Isaf-Truppen passiert. Dass es den meisten nur um eine schnelle Beendigung des Krieges geht. Womit auch geklärt wäre, wie die brutale Seite des bundes deutschen Pazifismus aussieht. Gut dazu passt auch, was der SPD-Bundestagsabgeordnete Gernot Erler im Februar auf einer Diskussionsveranstaltung der Uni Freiburg sagte: „Die einzige rote Linie, das ist die Rückkehr von Al Quaida.“ Sonst ist dem „Friedenspolitiker“ mittlerweile alles gleich, wenn es um den Rückzug aus Afghanistan geht.

Um unsere Versprechen einzuhalten, müssten wir noch mindestens zwanzig Jahre am Hindukusch bleiben. Aber das will natürlich kein deutscher Politiker mehr, auch kein amerikanischer und kein französischer. Und vor allem: Auch die Afghanen haben mittlerweile genug.

Der Afghanistankrieg ist unser Vietnam. Nicht, was die Opferzahlen betrifft. Es geht um die moralische Dimension. In zwei, drei Jahren werden wir Verdrängungsweltmeister vorm Fernseher sitzen und sehen, wie Menschen im Chaos umkommen, die uns einst vertraut haben. Wir werden sehen, wie deutsche Wiederaufbauhelfer von der GIZ evakuiert werden müssen. Vielleicht sogar vom Dach ihres Kabuler Anwesens? Erst dann werden wir merken, dass Deutschland keine „Supermacht der Werte“ ist. Sondern allenfalls ein Land, das Angst vor sich selbst hat.

 

Dieser Artikel erschien in der ersten Printausgabe von Debatare.