Gabriele und Günter Zienterra vom Zienterra Institut für Rhetorik und Kommunikation geben ihre Einschätzung. Ihr Fazit: Beide Politiker sind keine großen Charismatiker. Frau Merkel kommt durch ihre abwartende und ruhige Art sympathisch rüber, reißt jedoch „niemanden vom Stuhl“. Steinbrück verkörpert mit seinem technokratischen Sprechstil nicht den modernen Visionär, der er doch so gerne sein möchte.

„Frau Merkel betont immer wieder, dass es Deutschland gut geht und es mit ihr auch so bleiben wird. Diese „Weiter-so“-Aussage wiederholt sie konsequent. Merkels Stärke ist Sachlichkeit. Nur wenn sie von den Moderatoren unterbrochen wird, wird sie ein bisschen mürrisch“, so Gabriele Zienterra. Und bei Peer Steinbrück? „Auf jeden Fall zeigt er immer wieder gelungene Bilder und Vergleiche wie „Geisterbahn“ und „in die Handtasche greifen“. Es ist ihm auch gelungen, Frau Merkels Wohlfühldecke zu lüften und somit Themen neu zu besetzen wie z.B. bei der Pkw-Maut oder Griechenland-Konsolidierungs-„Keule“.

 

Die Analyse

1. Überzeugungskraft Sprachstil (sachlich/emotional)
2. Rhetorisches Geschick (Vergleiche, Bilder)
3. Körpersprache: Stand, Mimik, Blick, Gesten
4. Qualität der Kernaussagen
5. Sprechtechnik (Sprechtempo, Deutlichkeit)
6. Weitere Beobachtungen

1. Überzeugungskraft Sprachstil (sachlich/emotional)
Peer Steinbrück
45% emotional, 55% sachlich
Er untermauert seine Kernaussagen mit sachlichen Zahlen. Außerdem beginnt er seine kritischen Äußerungen zur derzeitigen Regierungspolitik mit drei hintereinander gereihten rhetorischen Frageketten: „Wie sieht es mit der Pflege…? Wie sieht es mit der Finanzlage, wie sieht es…?“
Im Abschlussplädoyer wird er sehr persönlich und wirbt für „Gemeinwohl“ und „Gerechtigkeit“.

Angela Merkel
25% emotional, 75% sachlich
Sie hatte eine hohe Begeisterungsfähigkeit, war selbstbewusst und Botschafterin ihrer erfolgreichen Regierungspolitik. Sie sprach sogar von „sensationeller“ Arbeit in den vergangenen 4 Jahren.
Die Kanzlerin zeigte sich engagiert und ist von Ihrer guten Regierungspolitik überzeugt. Klare Aussagen wie „Ich denke nach, ich entscheide und handle dann“. Frau Merkel betonte im Abschluss-Statement erneut ihre bisherige erfolgreiche Arbeit als Kanzlerin und wirbt für starke Wirtschaft in Deutschland und Europa. Auch hier setzt sie das Modalverb „möchte“ ein, welches ihre Bescheidenheit zum Ausdruck bringt.

2. Rhetorisches Geschick (Vergleiche, Bilder, Struktur)
Peer Steinbrück
Er zeigt immer wieder starke Bilder und Vergleiche wie „Geisterbahn“, „in die Handtasche greifen“, „tödliche Dosis“, „Steuereinnahmen sprudeln“ und „viele bunte Schachteln im Schaufenster“.
Er verwendet lange Sätze mit vielen Einschubsätzen, die wie ein durchhängendes, langgedehntes Seil wirken. Das ist schwer aufzunehmen und gedanklich zu folgen.

Angela Merkel
Angela Merkel setzt weitaus weniger Bilder und Vergleiche ein. Sie nutzt nur einen Vergleich aus der Botanik. Ihre Sätze sind eher kurz, prägnant, doch auch stellenweise ohne Tiefe.

3. Körpersprache: Stand, Mimik, Blick, Gesten
Peer Steinbrück
Zu Beginn des Duells fragen wir uns: Wo schaut Steinbrück hin? Steinbrück beginnt zögerlich, fast scheu zu sprechen. Es dauert bis sein Blick sich festigt und er in die Augen der Moderatoren schauen kann. Er verschenkt zu Beginn einen Großteil seiner körpersprachlichen Wirkkraft, steht fast starr hinter seinem Pult. Langsam und zögerlich kommt er in die Gestik.
Beim Thema Steuern ist er wieder sicher – und zeigt mit Zählgesten die Struktur seiner Punkte. Er nutzt die Redezeiten Merkels für Notizen – dies unterstreicht die Ernsthaftigkeit seines Zuhörens.

Angela Merkel
Das bekannte Markenzeichen der Merkel-Raute, das Zusammenlegen von Daumen und Zeigefinger der beiden Hände ist – wahrscheinlich aufgrund der Kameraführung – kaum sichtbar Merkel nimmt ihren Fragesteller ernst. Sie blickt offen und direkt die Moderatoren an.
“Tut Ihnen Peer Steinbrück leid?” Sie wendet sich mit offener Körpersprache ihrem Kontrahenten zu, lächelt ihn an. Es “menschelt”, das wirkt sympathisch und bringt etwas Leichtigkeit in das Duell. Immer wieder während des Duells sucht sie den direkten Blickkontakt zu Steinbrück. Sie unterstreicht damit, dass sie das Dialogische in der Kommunikation mit ihrem Kontrahenten will.
Angela Merkel verleiht ihren Aussagen durch ein leichtes Kopfnicken Nachdruck. Damit pointiert sie wichtige Punkte, gerade in den Phasen, wenn die Kamera nur einen Kopfausschnitt zeigt.
Als sie Steinbrück direkt argumentativ angeht, lächelt sie leicht. Damit steuert sie auf einem schmalen Grat in Richtung Überheblichkeit.

4. Qualität der Kernaussagen
Beiden Kandidaten wurde es durch die Moderatoren schwierig gemacht, Kernaussagen thematisch zu platzieren – anders ausgedrückt: Die Kandidaten sprangen bei einer Themenvorgabe sehr gerne in ein von ihnen favorisiertes Themenfeld.

5. Sprechtechnik (Sprechtempo, Deutlichkeit)
Peer Steinbrück
Steinbrück ist teilweise schlecht zu verstehen. Gerade bei Argumenten, die ihn emotional fordern, fehlt es ihm an Artikulation und Deutlichkeit. Wenn er dann wie eine Dampfwalze seine Wörter aneinanderreiht, macht er es seinen Zuhörern schwer, ihm zu folgen und Argumente voneinander zu trennen.

Angela Merkel
Merkel spricht verständlich und mit Pausen. Mehrfach versucht das Moderatorenduo, sie durch stärkeres Nachfragen zu unterbrechen. Sie reagiert gelassen und setzt ihre Stimmführung souverän ein, hebt leicht die Stimme und nimmt das Tempo etwas runter. Damit macht sie deutlich, dass sie sich ihr Rederecht nicht nehmen lässt.
Die Stimmmodulation ist wenig ausgeprägt und ermüdet den Zuhörer.