Du bist, was du isst. Dieser alte Spruch stellt viele deutsche Politiker vor eine Herausforderung, die härter sein kann, als jedes Rededuell im Bundestag.

Wie zeigen Politiker, dass sie Menschen sind? Im Wahlkampf gibt es da einige Möglichkeiten: Sie streicheln Hunde und Babys, besuchen Altersheime und Behinderteneinrichtungen, lassen sich Katastrophenregionen wie Flutgebiete zeigen, aber auch erfolgreiche Betriebe und Fa-briken. Und sie tingeln über unzählige Wahlkampfveranstaltungen und Volksfeste. Dort zeigt sich, wer auch mal die Ärmel hochkrempelt und zusammen mit dem „einfachen Mann der Straße“ ein Bier – oder in Süddeutschland auch mal einen Wein – trinkt. Und dann gibt es da die Königsdisziplin: das Bratwurstessen.

Deutscher geht’s nicht

Als gewählte Vertreter des deutschen Volkes wollen sie als ein Teil dessen wahrgenommen und auch gemocht werden. Nichts ist da schlimmer, als das Image eines arroganten, abgehobenen Menschen zu haben. Den will doch niemand wählen.

Die Bratwurst ist das deutscheste aller Lebensmittel: Es gibt sie günstig am Imbiss, in der Luxusversion in feinen Restaurants, mit Bio-fleisch, halal und koscher ohne Schwein oder sogar vegan aus Tofu. Die Bratwurst ist so beliebt und verbreitet, dass wir Deutschen im Ausland nicht umsonst als das Volk von Bier und Wurst bezeichnet werden. Und die Bratwurst ist unmöglich cool zu essen: Sie ist heiß, fettig und komisch geformt. Hungrig darf man nie den Fehler machen, sofort nach dem Grillen reinzubeißen, zu schnell verbrennt man sich den ganzen Mund.

Natalie beim Bratwurstessen im Curry Queen in Hamburg. Foto: Julia Kneuse.

Natalie beim Bratwurstessen im Curry Queen in Hamburg. Foto: Julia Kneuse.

Das wissen auch Politiker. Doch es hilft ihnen selten. Auf nahezu jedem Volksfest wird von ihnen erwartet, dass sie in eine Wurst beißen. Vor laufender Kamera, vielen Fotografen und Schaulustigen. Die heißen Dinger in der Hand, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu lächeln, zu pusten und reinzubeißen. Hübsch sieht dabei niemand aus. Und so gibt es von nahezu jedem deutschen Volkspolitiker Fotos, wie er oder sie in eine Wurst beißt.

Im Grunde könnte es den Politikern egal sein, dass sie beim Wurstessen nicht wie Models aussehen. Doch so funktioniert Politik leider nicht: Nach Außen gilt es, ein Image zu pflegen. Kraftvoll, klug und souverän zu wirken. Keine potenzielle Wählergruppe abzuschrecken.

Demokratie bedeutet in dem Kontext eben auch dorthin zu gehen, wo der Wähler vermutet wird. Aus diesem Grund stellt sich Angela Merkel nach einem wichtigen Fußballspiel auch neben einen halbnackten Mesut Özil. Auch wenn der sich seine Entspannung in der Umkleide anders vorstellt, als die Kommunikationsexperten der Kanzlerin. Deshalb fahren deutsche Politiker nur mit BMW, Audi, Mercedes oder Volkswagen irgendwohin: Die Autoindustrie ist immerhin einer der stärksten Wirtschaftszweige im Land.

Für Politiker ist es so nahezu unmöglich, sich als private Person in der Öffentlichkeit zu bewegen. Immer wird ihr Verhalten sofort zu einer Interpretation der gesamtdeutschen Gesellschaft. Das macht erwartbar, austauschbar und sagt am Ende weniger über den Kandidaten oder die Kandidatin aus als eine klare Meinung, die nicht jedem gefällt. Bis jemand einmal mit dieser Tradition bricht, müssen Merkel, Steinbrück und alle anderen fleißig weiter in Bratwürste beißen und dabei scheitern.