Im Laufe der letzten Tage hatte sich etwas Schmutzwäsche angesammelt. Deshalb testeten wir zum ersten Mal den Wäscheservice. Die Bundeswehr zahlt pro Wäschesack rund fünf Euro, sei es für die Pflege dienstlich gelieferter oder auch privater Wäsche. Die einzige Beschränkung bezüglich der Wäschemenge war die Anzahl der Feldblusen und Feldhosen, von denen pro Wäschesack jeweils nur zwei abgegeben werden durften. Da man täglich seine Schmutzwäsche abliefern konnte, war dies absolut kein Problem. Weil kaum jemand täglich seine Habseligkeiten, die man in der Uniform verstaute, umpacken wollte, nutzten viele von uns eine extra Wüstentarn-Uniform nur für draußen,
die man erst zum Waschen gab, wenn man sie, in der Regel alle drei Tage, „in die Ecke stellen konnte“. Das klingt nicht gerade hygienisch, aber aufgrund der Hitze und des Staubs hätte man schon nach wenigen Minuten wieder duschen und sich umziehen können. So machte es also keinen großen Unterschied, ob man dieselbe Uniform einen oder drei Tage trug.
Beim Antreten am Abend erfolgten die Absprachen zur Marschbereitschaft für das Einschießen unserer Waffen am nächsten Morgen. In der Annahme, der Tag sei nun gelaufen, hieß es für uns Führer des ECHO-Zugs, am bevorstehenden nächtlichen Spähtrupp des GOLF-Zugs teilzunehmen. Bei dieser Einweisung sollten die Erfahrungen, wie man sich beispielsweise einem aufzuklärenden Raum möglichst ungesehen näherte oder sich in ihm zu bewegen hatte, an uns weitergegeben werden, um später unsere Trupps kompetent führen zu können.
Jedem Auftrag geht eine Befehlsausgabe voraus, in der standardmäßig die Lage, der Auftrag, die Durchführung und die Maßnahmen zur Einsatz- und Führungsunterstützung erörtert werden. Die Lage klärt ab, wo der mutmaßliche Feind ist, was er tut oder eventuell beabsichtigt zu tun. Genauso wird die eigene Lage abgeklärt. Was ist die Absicht der übergeordneten Führung? Welche Unterstützung erfolgt durch welche anderen Teileinheiten? Wer ist wem unterstellt?
Da die Lage vor Ort stetig gleich blieb, waren Erörterungen hierzu bald nicht mehr erforderlich. Wir wussten,
mit wem wir es zu tun und was wir zu tun hatten. Der Auftrag beschreibt kurz und prägnant die Grundzüge des Operationsplans und folgt dabei einer gewissen Hierarchie. Zuerst gibt der Zugführer einen Gesamtbefehl an den Zug. Die Gruppenführer des Zugs setzen diesen Befehl jeweils für den eigenen Auftrag entsprechend um und geben ihn
anschließend an die Mannschafter weiter, so dass jeder Soldat immer die Absicht des Zugführers und die seines Gruppenführers kennt.
Der Führer des Trupps stellt die taktischen Maßnahmen zur Durchführung des Auftrags vor, erläutert Einzelaufträge und koordinierende Maßnahmen. So werden beispielsweise die persönliche Ausrüstung, der Zeitpunkt für die Marschbereitschaft und den Abmarsch, der Marschweg, der Sicherungsbereich oder Sammelpunkte festgelegt. Außerdem werden grundlegende Regeln vereinbart, wie sich unter anderem beim Ausfall eines Kraftfahrzeugs, bei Marschpausen, bei Feinderkennung oder auch bei einer Gefangennahme zu verhalten sei.
Aufgrund des erhöhten Sicherheitsrisikos wurden zusätzlich standardisierte Verhaltensmuster, so genannte SOPs (Standing Operating Procedure), bestimmt, die Handlungsabläufe und Verhaltensregeln in bestimmten Situationen beschreiben. Es wurden aber auch Fragen erörtert wie: Was ist zu tun, wenn der Trupp beschossen wird? Wie soll das Ausweichen erfolgen? Wie ist zu verfahren, wenn ein Kamerad angeschossen wurde?
Die Befehlsausgabe endet mit den Maßnahmen zur Einsatz- und Führungsunterstützung. Diese regeln zum Beispiel den Verbleib von Verwundeten, die Zuführung von Verpflegung und Munition, Zusatzausstattungen oder auch die Verteilung von Kartenmaterial, das Festlegen von Meldezeiten, Kennwörtern, Parolen und Erkennungszeichen sowie den Uhrenvergleich.
Endlich war es soweit – Mein erster Einsatz
Der Auftrag für den nun bevorstehenden Spähtrupp lautete, mögliche Raketenstellungen nordöstlich des Lagers aufzuklären. Wie man sich vorstellen kann, war ich ziemlich nervös, da es sich nun nicht mehr nur um eine
Übung handelte. In Anbetracht dessen, dass ich keine Ahnung hatte, was auf uns zukommen könnte, fühlte ich mich dennoch relativ relaxt und vertraute den Kameraden des GOLF-Zugs, die bereits etliche Spähtrupps hinter sich hatten.
Nachdem wir gegen 23 Uhr in der Nähe des aufzuklärenden Gebiets abgesetzt wurden und die ersten hundert Meter durch das unwegsame Gelände marschiert waren, vernahmen wir ein seltsames Geräusch. Es hörte sich an, als würde ständig jemand „Licht“ flüstern. Es war aber keiner von uns – irgendwie unheimlich. Plötzlich gab es einen mörderischen Knall und wir sahen uns mit einer anfliegenden Rakete konfrontiert. Nachdem diese nur knapp an unseren Köpfen vorbeipfiff, eröffneten wir das Feuer auf das Gebäude, von dem aus die Rakete abgeschossen wurde. Ich war derart schockiert, dass ich irgendwie nur noch funktionierte. Die Angreifer erwiderten das Feuer.
Erst nach und nach begriff ich, was hier gerade geschah. Mich so abrupt inmitten eines Kugelhagels wiederzufinden, würde noch vor wenigen Minuten meine ganze Vorstellungskraft gesprengt haben. Genauso drastisch fand ich die Hinterhältigkeit, mit der die Aufständischen ihren Angriffskrieg führten. Mit ihrem Wissen, dass wir niemals auf Zivilisten schießen würden, verschanzten sie sich in deren Häuser. Uns blieb nur zu hoffen, dass sich ihre Bewohner in Sicherheit gebracht hatten, denn kampflos aufzugeben und damit den Aufständischen die Vormachtstellung einzuräumen, konnten wir auf keinen Fall. Nach einem länger andauernden Feuergefecht erhielten wir von der
JOC den Befehl, uns zurückzuziehen. Während wir rückwärts auswichen, waren wir uns sicher, dass sich in den hohen Büschen vor uns mindestens zwei Aufständische versteckten, die uns unbemerkt gefolgt waren. Die LUNA meldete jedoch, dass im Raum keine verdächtigen Personen ausgemacht werden konnten. So entschied der Patrouillenführer, wieder auf die Fahrzeuge aufzusitzen. In dem Moment wurden wir erneut beschossen. Das „Anklopfen“ der feindlichen
Patronen am „Fuchs“ war nicht zu überhören – kling, kling, kling. Da waren also doch noch welche.
Wir erwiderten das Feuer und beendeten schließlich ohne eigene Ausfälle den Einsatz. Während der Rückfahrt ins Lager brachte ich keinen Ton heraus. Mein Magen war wie zugeschnürt, meine Kehle staubtrocken und noch immer saß mir der Schreck in den Gliedern. Irgendjemand erzählte, dass das vermeintlich gehörte Wort „Licht“ „Halt!“ bedeutet. Wem und wozu es galt, weiß ich bis heute nicht. Man kann nur vermuten, dass jemand in unserer unmittelbaren Nähe mittels
Handy oder Funkgerät Kommandos an die Raketenschützen gab. Gegen 2 Uhr erreichten wir das Lager, bereiteten noch die Fahrzeuge plus Ausrüstung nach und fielen gegen 4 Uhr todmüde ins Bett.
Wenn sich junge Männer wie Robert Eckhold freiwillig zum Auslandseinsatz der Bundeswehr bewerben, dann oftmals mit dem Wunsch, einer sinnvollen Sache zu dienen. Der Artikel ist ein Auszug aus seinem Buch „Fallschirmjäger in Kunduz“ (Command-Verlag). Darin beschreibt er aus Sicht eines Soldaten einer Fallschirmjägereinheit seinen Einsatz im afghanischen Kunduz. Dass in diesem Einsatz neben Motivation und dem Wunsch, etwas verändern zu können auch Begriffe wie Zweifel, Verrat, Sinnlosigkeit, Tod und extreme traumatische Belastungen eine Rolle spielen sollten, ahnte Robert Eckhold vor der Abreise nach Afghanistan nicht. Zwei Kameraden verloren während seines Einsatzes  in Afghanistan ihr Leben, weitere traten die Heimreise schwer verletzt an. Um seine eigenen traumatischen Erfahrungen aus Kampfeinsätzen zu verarbeiten, brachte Robert Eckhold viele Erlebnisse eindrücklich, bewegend und manchmal auch schockierend zu Papier.