Antonio Negris Biographie kurz zusammenzufassen ist kaum möglich, so war er im Laufe seines Lebens Professor für Staatstheorie, Mitbegründer diverser Gruppierungen im Kampf der Arbeiterbewegung, wegen Umsturzversuchen des Italienischen Staates angeklagt, ins Parlament gewählt, im französischen Exil und zeitweise in Haft. Wie differenziert ist Hardts und Negris neustes Buch mit dem eher plakativen Titel? Schon in der Einleitung des Buches wird klar, worauf der von weiten Teilen der globalisierungskritischen Linken gefeierte Starintellektuelle Negri hinaus will: „Dies ist kein Manifest“, lautet der erste Satz, den Hardt und Negri im Verlauf des Buches selbst widerlegen.

Schwarz-Weiß-Malerei zieht sich durch das Buch

Wenig die eigene, neomarxistische Sichtweise hinterfragend, folgen weite Teile des Buches einem typisch bipolaren Freund/Feind-Schema: Die „da oben“ sind böse, die „da unten“ gut. Der Staat ist schlecht, die Bürger gut. Arme Menschen sind per se gut, reiche Banker schlecht. Dieser Faden zieht sich durch das gesamte Buch. So preist Negri bedingungslos sämtliche Protestbewegungen, die es in den letzten Jahren gab, als demokratisch und legitim. Ob die Revolutionen im arabischen Raum, die Occupy-Bewegung oder griechische Demonstrationen gegen Jugendarbeitslosigkeit: Sie alle werden romantisiert und nicht hinterfragt, negative Aspekte wie Opferzahlen werden ausgeblendet. Protestbewegungen sind aus Hardts und Negris Sicht notwendige und wünschenswerte Entwicklungen, die von friedlichen, nach Demokratie strebenden Jugendlichen organisiert werden, die zudem in Protestcamps oder ähnlichem eine ganz neue Form der Kooperation und Kommunikation erschaffen. In vier Typen wird der unterdrückte, beherrschte Mensch dargestellt: die Vernetzten, Verwahrten, Verschuldeten und Vertretenen. Die Einteilung erscheint auf den ersten Blick plausibel, und auch die Forderungen nach mehr Beteiligung an demokratischen Entscheidungen jenseits der repräsentativen Demokratie sind tendenziell nachvollziehbar. Leider werden sie allerdings wieder von einem vollkommen vereinfachten Denken unglaubwürdig gemacht: Die Finanzindustrie verhindere, dass sich Menschen zu Organisationen zusammenschließen und Wahlkampf führen. Nur „Superreiche“ seien dazu in der Lage, und wenn sie erst einmal als Volksvertreter gewählt seien, „bereichern sie sich weiter“. Zwar ist der zunehmende Einfluss von Lobbygruppen auf die Politik zwar durchaus kritikwürdig, dennoch erhalten die Aussagen von Hardt und Negri einen stark verschwörungstheoretischen Anstrich.

Inakzeptable Aussagen

Kritik üben die beiden Autoren auch an Privatgütern: Bestimmte Güter, allen voran Wasser, Banken und Bildung, sollten in die „Almende“ überführt werden – also nicht bloß ein öffentliches vom Staat verwaltetes Gut, sondern ein Gemeingut unter gemeinsamer, direkter und demokratischer Verwaltung werden. Was für Wasser und Bildung noch nachvollziehbar klingt – abgesehen von der Frage, ob eine demokratische Entscheidung über Wasserverteilung wirklich besser als eine neutrale, von Staatsseite gesicherte Versorgung ist – wird bei der Auffassung über die Rolle der Banken problematisch: „Geld, das Geld schafft, ist die traditionelle Definition von Wucher, und die heutigen Spekulationspraktiken sollten genauso geächtet werden“. Diese Aussage, die auf eine Art „raffendes Kapital“ im Gegensatz zum ehrbaren „schaffendem Kapital“ hinweist, ist ein Standardargument vieler latenter bis offensichtlicher Antisemiten, was mit dem Bild des jüdischen Bankiers in Verbindung gebracht wird, der seit Jahrhunderten „geächtet“ wird. Eine solche Aussage ist grenzwertig bis inakzeptabel. Insgesamt enttäuscht das Buch auf ganzer Linie. Obwohl Hardt und Negri politisch bereits für eine bestimmte Richtung stehen, wünscht man sich trotzdem ein differenzierteres Buch, welches Schwächen und Stärken der Demokratie aufzeigt, statt ein neues ideologisches Manifest für die globalisierungskritische Linke darzustellen.