Was ist gleich?. Foto: Julia Kneuse.

Die Splitting-Spinnerei

Schauen Sie sich doch mal um. Ganz genau, blicken Sie von diesem Druckerzeugnis auf und lassen Sie ihren Blick schweifen. Wieder hierher. Machen Sie eine kleine Überschlagsrechnung: Was vermuten Sie, wer in Ihrem Blickfeld ist geschieden? Wer in Ihrem Bekanntenkreis, in Ihrem Büro lebt getrennt? Ums einfacher zu machen: Wer ist denn verheiratet – vielleicht sogar zum ersten Mal?

Was ist gleich?. Foto: Julia Kneuse.
Was ist gleich?. Foto: Julia Kneuse.

Meditieren Sie jetzt einen Moment über Artikel 6 des Grundgesetzes, das ist der über den Schutz der Ehe. Mit ihm wird seit 1958 eine Regel begründet, die formell etwa so lautet: S(YM,YF)=2 * t[(YM+YF):2]. Die Gesamtbesteuerung von Ehemann und Ehefrau ist gleich zwei mal dem Steuersatz multipliziert mit eckige Klammer auf, runde Klammer auf, Einkommen des Ehemanns plus Einkommen der Ehefrau, runde Klammer zu, durch zwei, eckige Klammer zu. Sie haben es bereits vermutet: Das ist das Ehegattensplitting. Das ist super für verheiratete Partner, besonders wenn einer von ihnen wenig oder am besten gar nichts verdient. Da wir in Deutschland eine progressive Einkommenssteuer haben, also der Steuersatz mit zunehmendem Einkommen ansteigt, sparen die Ehepartner durch die Splitting-Regelung besonders viel, die eine sehr ungleiche Einkommensverteilung haben. Raten Sie mal, wer in der Regel mehr verdient? Richtig. Da ist es passend, wenn Heim und Herd zum Lebensmittelpunkt der Gattin gehören. Hurra, die traditionelle Rollenverteilung wird durch ein 54 Jahre altes Steuergesetz am Leben gehalten! Wenigstens hat man damals noch ordentlich Kinder in die Welt gesetzt, die die Steuervorteile rechtfertigten. Heute verschanzen sich maximal fruchtbare Männlein und Weiblein tendenziell eher im Großstadt-Penthouse und erbarmen sich unter optimiertem Timing, einen, vielleicht zwei Nachkömmlinge in die Welt zu drücken, wenn überhaupt. Gesplittet wird ja eh.

Nur halt bei den „Homos“ nicht. Die setzen ihre Unterschrift nämlich unter ein anderes Blatt Papier als die Heteros. Das heißt dann „Eingetragene Partnerschaft“ und nicht „Ehe“. Und „Ehe“ ist die Grundvoraussetzung für die Originalfamilie. Ja, Sie haben richtig gelesen. Originalfamilie. So gesagt von Birgit Kelle, ihrerseits erzkatholische Publizistin und CDU-Mitglied, in einer Fernseh-Talkrunde. Liebe Frau Kelle, haben Sie vielleicht etwas von diesem gesellschaftlichen Wandel mitbekommen, von dem jetzt alle reden?

Die Ewiggestrigen klammern sich ekstatisch an ein Boot, das längst untergegangen ist. Die Ehe ist nicht ungeschützter, wenn homosexuelle Paare so besteuert werden wie Ehepaare. Es gibt zumindest keine Berichte darüber, dass das, was die „Homos“ noch mehr zahlen, zur Finanzierung von Hajos und Claudias Eherettungswochenenden im Berchtesgardener Land verwendet wird. Gegenläufige Beweise können Sie gerne an die Redaktion schicken.

Homosexuelle sind keine Menschen zweiter Klasse, ihre Lebenspartnerschaften keine Ehen zweiter Klasse. Es ist ein Unding, dass man die moralische Gleichstellung Homosexueller 60 Jahre nach dem Nationalsozialismus überhaupt noch mal erwähnen muss, damit es auch jeder verstanden hat.

Vielleicht möchten Sie darüber streiten, ob gleichgeschlechtliche Liebe gottgewollt sein kann, oder natürlich, oder krankhaft. Vielleicht auch darüber, wie viel das wieder kostet, wenn die „Schwuletten“ plötzlich steuerlich gleichberechtigt sind. Bitte, raus damit. Vielleicht möchten Sie aber auch gar nicht streiten, sondern einfach nur eine Meinung haben. Vielleicht vergessen Sie dabei leichtfertig, wem das Ehegattensplitting überhaupt zu gute kommen soll. Genau, diesen kleinen Knäueln, die im ICE immer so laut schreien, wenn man gerade zum Nickerchen ansetzen will. Der schöne Artikel 6 schützt übrigens nicht nur die (Hetero-)Ehe. Sondern auch die Familie – ohne Kelles „Original“-Präfix. Steuerlich privilegiert werden müssen diejenigen, die Kinder haben, denn Kinder sind schutzbedürftig, nicht Paare ohne Kinder. Und, mit Verlaub, es ist scheißegal, aus welchem Uterus das kleine Leben kommt und welche sexuelle Orientierung seine Erziehungsberechtigten haben. Das ist die Zukunft Deutschlands.