Die Geschichte des Internet ist die Geschichte eines unverdorbenen Anfangs, der sehr schnell seinen Glanz verloren hat, findet der Journalist Hans Leyendecker. „Ich komme aus einer Zeit, in der es noch den alten Skandal gab.“ Dabei musste es dem Skandalierer gelingen, ein Ereignis als Skandal zu definieren. „Meist definieren Medien, was ein Skandal wird oder eine Bagatelle bleibt.“ Während Journalisten noch nie zuvor ein größeres Publikum hatten, beobachtet Leyendecker, dass es noch nie so viel Mainstream gab wie heute. Die große Gefahr für die Pressefreieheit geht von den Medien selber aus. Es fehlen in Deutschland Verleger, für die ihre Tätigkeit etwas mit Liebe zu tun habe, so der Journalist. Journalisten seien oft große Heuchler. Enthüllungsjournalismus müsse ergebnisoffen ans Werk gehen und bereit sein, gegen eigene Vorurteile zu publizieren. Dies passiere häufig nicht. Ein Beispiel dafür ist Jürgen Möllemann. Außer Vermutungen gibt es keinen Beleg dafür, dass dieser in Waffengeschäfte verwickelt war. „Ich glaube Kubiki rächt sich an allen, die mit Mölleman schlecht umgegangen sind“, so Leyendeckers Vermutung. Das gefalle ihm.

Empörung stiftet Ordnung

Die Frage sei, was der Konsument wollte. „Es ist schwer, Leute zu finden, die etwas neues hören wollen“, stellt der Journalist häufig fest. Angeblich gab es bei der Privatisierung der Leuna-Werke Korruption. Beim Lesen der Akten wurde ihm klar, dass es sich um ein Missverständnis handelte. Ich habe dann darüber geschrieben. Das Echo sei gewesen, das er als faul und gekauft beschimpft wurde. Die kollektive Phantasie brauche klare Verhältnisse. Empörung stiftet Ordnung, weil sie die Schuldigen benenne. „Es geht zu Journalisten zu oft um eine Mission.“ Immer dann wenn das Ergebnis schon feststehe. „Angeblich brauchen Journalisten immer zwei Quelle. Ich kenne viele, die keine haben.“ Investigativer Journalismus könne Karrieren beenden, aber er dürfe Menschen nie ihrer Ehre berauben. Etwa bei der „Traumschiff-Affäre“ rund um Lothar Späth in Baden-Württemberg. „Für die Form wie wir sie dargebracht haben, schäme ich mich. Das war eine Sauerei.“

Henri-Nannen-Preis

„Warum wird eigentlich alles mit dem selben Wort Journalismus bezeichnet?“, fragt Leyendecker. Die Bild-Zeitung werde gelesen, weil das Blatt von nichts handle. Der alltäglich Bild-Terror verschaffe dem Leser den Genuss, den er mit jedem Süchtigen teile. Die Bild als Medium gebe sich gerne nett. Niemand drohe offen, aber die Zwischentönte würden eindeutig verstanden. Den das Geschäftsmodell der Bild-Zeitung sei es, mit Vorverurtielungen und Häme Geld zu verdienen.“ Daher sei die Auszeichnung der Bild-Zeitung mit dem Henri-Nannen-Preis für ihn ein Kulturbruch gewesen.