Inmitten von 200 Workshops und Vorträgen, deren Selbstverständnis in der Förderung des linken Journalismus liegt, ist die Frage, wie politisch Jounalismus sein darf, meistens alles andere als im Mittelpunkt. Hakt man aber nach, wird überall, wo man sich erkundigt, klar: Journalismus darf politisch sein, er kann gar nicht anders. Die Zeitungslandschaft wird von politischen Tendenzen regiert, die bei linken Medien eben deutlicher ausfallen. Beim Maß, wie viel politisches Statement der Journalismus verträgt, scheiden sich jedoch die Geister.

Einerseits wird gefordert, den linken Journalismus und seine Rolle als „Störfaktor“ der Mainstream-Medienlandschaft zu stärken. Andererseits soll er aber die Regeln des journalistischen Handwerks nicht vergessen und sich nicht von vorgefertigten Meinungen den Blick versperren lassen. Eine Gratwanderung, die sich hinsichtlich der Zielgruppe als nicht ganz einfach erweist. Im besten Fall sollte diese nämlich ein breites Spektrum umfassen, damit überhaupt die Rede davon sein kann, alternative Standpunkte und neue Inhalte als Gegenpunkt zu den sogenannten bürgerlichen Medien zu bieten.

Am ersten Tag der LiMA 2012 bekommt man jedoch im TU-Gebäude einen anderen Eindruck. Viele der Teilnehmer sehen den Tatsachen ins Auge, dass linker Journalismus jene erreicht, für die alternative Informationen zur alltäglichen Informationsbeschaffung gehören. Motiviert oder demotiviert durch ihre Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen werden dann manchmal noch einige Menschen aufgesammelt, die vorher noch nicht zum linken Lager gehörten.

Hieraus entsteht eine doppelte Herausforderung, der sich der linke Journalismus in Deutschland stellen muss: Gegen den Einheitsbrei der restlichen Medien neue Perspektiven aufzeigen und Kritik äußern, wo sie sonst nicht gefragt ist. Gleichzeitig darf er sich aber auch nicht im Nischendenken verzetteln und sollte auch den bereits „Aufgeklärten“ auf den Schlips treten können. Von allen Seiten kritisch beäugt, erfordert die Lage des linken Journalisten eine besondere Standhaftigkeit. Dieser Standhaftigkeit kann sich entziehen, wer kein linker Journalist ist. Der kleine Unterschied nimmt diese Journalisten aus der Schusslinie in den sicheren Schoß des Mainstream. Doch sind sie dadurch keineswegs weniger politisch. Nur leider wird „links“ als seitlich von der Mitte gedacht und die Mitte scheint neutral. Die Mitte hat allerdings nichts mit Neutralität zu tun. Sie ist ein anderer Standpunkt und damit politisch. Doch bevor hier zu leichtfertig der Mainstream in die Mitte gestellt wird, ist zu betonen, dass dieser seine Kreise auch teilweise gerne weit nach rechts zieht.

Diese Auswüchse des Journalismus sind jedoch weit davon entfernt sich selbst als „rechts“ zu bezeichnen. Daher wird hier eher selten die Kritik laut, der Mainstream sei zu politisch. Doch genau das ist er. Und umso einflussreicher, je mehr er als politisch neutral getarnt bleibt.

In diesem Sinne: Journalismus ist immer politisch und so darf es auch der linke sein. Linker Journalismus sollte sich aber nicht auf seinen Standpunkten ausruhen und sich die Fähigkeit zur Selbstkritik erhalten.

Denn nur so kann der Journalismus aufdecken und Perspektiven setzen ohne sich selbst zu einer Randerscheinung zu beschränken. Auch wenn das Publikum dadurch nicht automatisch größer wird, bleiben aber zumindest die Türen geöffnet.

 

Dieser Artikel erschien in der ersten Printausgabe von Debatare.