Herr Broder, haben Sie linke Medien abonniert? 

Ich lese jeden Tag die taz. Ist das ein linkes Medium? Die taz hat streckenweise richtig gute Debatten, die gibt es in der Frankfurter Rundschau nicht. Die ist ein gleichgeschaltetes linkes Amtsblatt. Ich glaube übrigens nicht, dass man mit den Begriffen links und rechts heute weit kommt. Die entscheidende Frage ist: Was tun die im konkreten Falle? Alliieren sie sich mit Diktatoren? Halten sie die Fresse gegenüber Nordkorea, Syrien und Libyen, knutschen sie mit Gaddafi, gehen sie ihm an die Eier oder an die Gurgel – das ist für mich entscheidend. Die Begriffe links und rechts sind für mich passé.

Aber Sie kritisieren die linke Berichterstattung.

Ja, das tue ich. Man kommt an bestimmten Etiketten nicht vorbei. Aber ich nenne sie übrigens nicht linke, eher antiimperialistische oder antikapitalistische Berichterstattung.

Möchte Leuten weder den Mund verbieten, noch sie erziehen: Henryk M. Broder mit seinem Lieblings-Schokoriegel. Foto: Barbara Engels

Möchte Leuten weder den Mund verbieten, noch sie erziehen: Henryk M. Broder mit seinem Lieblings-Schokoriegel. Foto: Barbara Engels

Was ist linker Journalismus?

Ich glaube, linker Journalismus ist Gefälligkeitsjournalismus. Es gibt linke Journalisten überall, auch beim Stern oder Spiegel, nicht nur bei offiziell linken Medien. Das sind Leute, die schreiben für ihre Gemeinde, sie schreiben, um ihnen zu gefallen. Wenn ich eine Gemeinde hätte, würde ich alles dafür tun, sie vor den Kopf zu stoßen. Ich schreibe das, was mich interessiert und habe keine Agenda. Ich schreibe aus einem Staunen heraus, indem ich versuche, mir etwas zu erklären.

Glauben Sie, dass linke – oder antiimperialistische – Journalisten insofern eine Gemeinsamkeit haben, als dass Sie alle gleich über Israel und den Nahostkonflikt denken?

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, aber vermutlich haben Sie Recht. Die Koalition ist zumindest sehr breit. Von links außen bis rechts außen – und irgendwann wissen Sie nicht mehr, ob da die Linke oder die NPD marschiert, denn sie haben dieselben Parolen. Es fällt mir schwer, jetzt noch über die Linken und ihre Nahost-Berichterstattung zu reden. Ich habe da so viel drüber geschrieben und es inzwischen für mich abgehakt. „Vergesst Auschwitz!“ ist für mich ein Schlusspunkt.

Regt sie das Thema zu sehr auf?

Nein, ich bin durch. Ich glaube nicht, dass ich da noch einen für mich neuen Gedanken fassen kann. Ich habe kapiert: Diese Leute sind uns voraus. Wenn ich es geschafft habe, irgendeine Attitüde zu erkennen und zu analysieren, sind die linken Antisemiten schon zwei Schritte weiter. Jetzt will ich mich wirklich mit den relevanten Dingen des Lebens beschäftigen. Mit Essen, Sex und Reisen. Und Tee trinken, natürlich.

Sollte Journalismus generell unpolitisch sein?

Nein, ich kann da überhaupt keine Forderungen stellen. Politischer und unpolitischer Journalismus gehören dazu wie eine breitgefächerte Speisekarte, wo Sie von Minestrone bis Zabaione alles finden.

Dann gehört eine linke Nahost-Berichterstattung auch auf die Speisekarte.

Ja, sicher gehört die dazu. Ich will ja auch nichts verbieten. Der Dreck, den Jürgen Elsässer als Journalismus verbreitet, der gehört auch dazu. So wie zu jedem Berliner Biergarten Buletten gehören, die aus Pferdeäpfeln hergestellt werden. Ich muss es nicht goutieren, ich muss es nicht konsumieren.

Ist linker Journalismus gefährlich?

Nein. Wie wollen Sie entscheiden, was gefährlich ist oder nicht? So gesehen ist alles gefährlich. Wenn man den Wirtschaftsteil der FAZ nicht versteht, kann das auch gefährlich werden. Wenn man anfängt, sich darüber Gedanken zu machen, was gefährlich ist oder nicht, kann man eigentlich nur noch zuhause still vor sich hindämmern.

Was unterscheidet Sie von linken Journalisten?

Der Unterschied zwischen den linken Journalisten und mir ist, dass die danach schreien, dass ich aufhöre zu schreiben. Ich hingegen verlange das nicht. Ich sehe ein, dass die mit dazugehören, bedauerlicherweise, so wie Krebserkrankungen und Sittlichkeitsverbrechen dazu gehören. Im Journalismus kann jeder machen, was er will. Ich lese immer wieder: Der Broder, der darf seine Ansichten ungehindert und ungestraft verbreiten. Ja, wer soll mich denn daran hindern? Die grüne Bürgermeisterin von Aachen? Norman Paech und sein Dackel? Ich mach das ganz anders. Ich stelle die Hassbriefe, die ich bekomme, alle online.

Was würden Sie jungen, angehenden Journalisten sagen, die eine gewisse linke Grundhaltung haben und entsprechend sich auch gegenüber Israel positionieren?

Ich würde wahrscheinlich fragen: Und was sagst du zu Hanoi? Schon mal in Syrien gewesen? Was berührt dich an Israel? Obwohl – ich würd’s eigentlich gar nicht mehr fragen, weil’s mir egal ist. Ich bin ja nicht dazu da, die zu erziehen, ich bitte Sie. Dann käme ich gar nicht mehr zum Tortit-Essen (Tortit ist ein israelischer Schokoladenriegel, Anmerkung der Redaktion).

Hat sich die Nahost-Berichterstattung in linken Medien in den vergangen Jahrzehnten verändert?

Nein, die war schon immer so. Meine Lieblingsschlagzeile ist die aus demFocus: „Israel droht mit Selbstverteidigung“. Focus, an sich ein bürgerliches Blatt. An der Berichterstattung hat sich über die Jahre nichts getan.

Vor wenigen Wochen stand in einem Kommentar im Neuen Deutschland, es gebe eine Anti-Iran-Besoffenheit. Ist das antizionistisch? Oder antisemitisch? 

Das sind antisemitische Fantasien, ganz eindeutig. Das ist der leise Wunsch, der Iran möge das Geschäft beenden, das die Väter und Großväter dieser Leute nicht zu Ende gebracht haben. Ahmadinedschad hat gesagt, Israel sei ein Krebsgeschwür, das entfernt werden müsse. Wer da von einer Anti-Iran-Besoffenheit spricht und nicht von einer Anti-Israel-Besoffenheit, der hat eindeutig Stellung bezogen.

Das ist also offener Antisemitismus für Sie, oder?

Das ist der zeitgenössische Antisemitismus, der sich im Antizionismus artikuliert.

Gibt es ideologisch belastete Begriffe, die in Artikeln in linken Medien über den Nahostkonflikt immer wieder vorkommen?

„Besatzungspolitik“ und „selbstgebastelte Raketen“ zum Beispiel kommen immer wieder vor. Oder „Hegemonialmacht“: Ein Zwergstaat von 20.000 Quadratkilometern wird als Hegemonialmacht bezeichnet.

Glauben Sie, dass die Journalisten, die diese Begriffe verwenden, nicht wissen, was diese eigentlich bedeuten?

Nein. Da gibt es keine Unschuldsvermutung. Da gibt es einen begründeten Generalverdacht. Die wissen ganz genau, was sie schreiben.

Es gibt viele Artikel im Internet, in denen nur einmal das Wort Israel vorkommt, wo dann sofort anti-israelische Kommentare drunter stehen …

… ja, das geschieht automatisch, wie ein Pawlowscher Reflex.

Hat sich die Bewertung Israels und des Nahostkonflikts mit der Verlagerung des Journalismus ins Internet verändert?

Wahrscheinlich schon. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel. Ich war jetzt eine Woche in Krakau und hab eine siebenteilige Serie für die Welt darüber geschrieben. Alles extrem harmlose Geschichten. Ich habe ein paar Leute gefunden und mich mit diesen Leuten unterhalten. Ein Antiquitätenhändler, ein Karikaturist, ein Hotelbesitzer. Die Geschichten sind gut gelaufen, aber es sind kaum Leserbriefe gekommen. Worüber sollen sich die Leser auch aufregen?
Eine Geschichte aber war über einen Rabbiner. Ein netter junger Typ, Israeli. Auf diese Geschichte kamen mehr Leserbriefen als auf alle anderen zusammen. Wenn es um Juden geht, kommen die Deutschen automatisch in die Fahrt . Die können nicht anders. Da fühlen sie sich kompetent. Die Kinder von Himmler können es auch Generationen später nicht lassen.

Sie waren früher auch ein Linker und haben für linke Medien in Deutschland geschrieben. Was hat Sie dazu gebracht, mit den Linken zu brechen? 

Ich bin immer noch links, die sind nicht mehr links. Die Linke ist autoritär und totalitär geworden. Es ist kein Zufall, dass in Ostdeutschland viele NPD-Sympathisanten die Linkspartei wählen, weil sie ihre autoritären Inhalte in der Linken wiederfinden und wissen, die Stimme ist nicht verschenkt – während Stimmen für die NPD im Gully landen. Es gibt keine Linke mehr in Deutschland. Wenn Sigmar Gabriel oder Gesine Lötzsch, links sein sollen, dann möchte ich mit denen noch nicht einmal im selben Intercity sitzen. Ich bin links, die nicht.

 

Dieser Artikel erschien in der ersten Printausgabe von Debatare.