Im Wahlkampf findet man sie an jeder Straßenecke, und meistens ähneln sie sich sehr: Die Wahlplakate. Doch wie effektiv sind sie im digitalen Zeitalter bei der Jagd nach Wählerstimmen?

Außergewöhnliche Plakate sind einprägsam, beeinflussen die Wahl aber nicht direkt. Ein prägnanter Slogan, ein nett fotografiertes Gesicht – fertig ist der Plakatbausatz. Da jede Partei diese Art der Kommunikation nutzt, sind manche Plätze geradezu zugepflastert mit Wahlplakaten. Doch welche Wirkung haben sie noch beim Wähler? Fakt ist, dass der Slogan und die Aufmachung des Plakats sich von anderen in besonderer Form unterscheiden muss, um einen Eindruck zu hinterlassen. Für die Landtagswahl 2008 in Niedersachsen entledigte sich Peter Altenburg, Kandidat der Wählergemeinschaft „Die Cux-havener“, seiner Kleider und ließ sich nur mit einem Schild mit dem Slogan „Ehrlich… bis auf die Haut!“ ablichten.

Wahlkampf der Grünen in Hamburg. Foto: Julia Kneuse.

Wahlkampf der Grünen in Hamburg. Foto: Julia Kneuse.

Dennoch bleibt fraglich, inwieweit Plakate die Entscheidung des Bürgers bei der Wahl be-einflussen. Denn gute Plakate mögen durchaus im Gedächtnis haften bleiben, ändern aber in der Regel nicht viel am Meinungsbild des Einzelnen. Eine Studie der Universität Hohenheim zur Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg sieht sie ebenfalls eher als Ausgangspunkt für die Entscheidungsfindung. Wahlplakate haben dem-nach eine Orientierungsfunktion oder dienen der Mobilisierung der Stammwähler. Dazu müssen allerdings gewisse Voraussetzungen erfüllt sein.

Ungünstige Farben und fehlende Authentizität schrecken ab

Einfachste Grundlagen der Gestaltung werden bei Wahlplakaten regelmäßig missachtet. Ungewöhnliche Farbkombinationen sorgen beim Betrachter ebenso für Kopfschütteln wie eine für die Partei unpassende Schriftart. Die Schrift darf zwar von der Masse abweichen, muss aber aus einiger Entfernung lesbar sein. Ebenfalls schlecht kommen auffällig gestellte Bilder an. Wirkt ein Politiker nicht authentisch, zieht das negative Konsequenzen nach sich. Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass der Teil des Gehirns, der für Emotionen verantwortlich ist, ziemlich nachtragend ist. Ist uns jemand erst einmal unsympathisch, ist es relativ schwer, diesen Eindruck zu ändern.

Wahlplakate haben einen hohen Streuverlust

Im Grunde können Wahlplakate nur Emotionen vermitteln. Für Inhalte fehlt abgesehen vom Slogan der Platz. So versucht man, die Themen einer Partei bekannt zu machen und gleichzeitig mit dem Image des Kandidaten zu punkten. Doch hier zeigt sich das nächste Dilemma. Im Vergleich zu digitalen Inhalten sind Wahlplakate unveränderbar und haben einen hohen Streuverlust. Das bedeutet, dass ein Plakat zwar viele Adressaten erreicht, aber nur ein Teil davon zur Zielgruppe gehört. Und während die eine vielleicht auf lustige Ansprachen reagiert, bevorzugt eine andere eher eine seriöse Plakatgestaltung.

Daher werden die Plakate einer Partei nicht nur in verschiedenen Ausführungen gedruckt, sondern auch mehrmals während des Wahlkampfs ausgetauscht. Um die gewünschte Zielgruppe zu erreichen, muss sogar der Ort, an dem ein Plakat zu sehen ist, beachtet werden. Die SPD beispielsweise selektiert diese nach einer Kriterienliste. Entscheidend sind zunächst die Anzahl der Verkehrsknotenpunkte und die regionalen Mobilisierungspunkte. Ist der Standort der 8.000 verfügbaren Großplakate, die sogenannten Wesselmänner, bestimmt, werden die Themenbotschaften lokal gewichtet. In Regionen, die besonders von steigenden Mieten betroffen sind, wird aktuell auch das Plakat zum Thema Mieten gezeigt.

Auch in Zukunft noch in Verwendung

In Zeiten von modernen Kommunikationsformen wirken Wahlplakate ein wenig antiquiert. Dennoch werden sie uns
auch bei kommenden Wahlen bis zur Wahlkabine begleiten. Ihre Wirkung ist seit einiger Zeit umstritten, doch sie sorgen für eine generelle Bekanntheit der Wahlkampfthemen und Kandidaten und machen auf den Wahltermin aufmerksam. Und wenn wir ehrlich sind, können missglückte oder unfreiwillig komische Exemplare den sonst so trockenen Wahlkampf immer noch am besten auflockern – auch durch Verfremdungen, Remakes und Mashups.