Der Ausstieg aus der Atomenergie etwa wäre ohne das Internet nicht so schnell von statten gegangen. „Echtzeitverhalten von Politik“, so nennt das Schirrmacher. Auf der anderen Seite stehe das Implodieren unseres Kurzzeitgedächtnisses.

Folgt man den Thesen Schirrmachers könnte man zu der Schlussfolgerung kommen: Politik braucht keine große Linie mehr, was heute aktuell ist, ist morgen schon vergessen. Und alle Politiker müssten eigentlich glücklich sein über so viel und so schnelle Kommunikation, macht es doch Regierungshandeln leicht.

 Spricht man mit Politikern klingt das meist anders: Durch die schnelle Onlinekommunikation sei viel mehr der Druck gestiegen, ein Erklären von politischen Entscheidungen sei kaum noch möglich.
Und auch in den Parteizentralen und bei Fraktionsmitarbeitern ist die Freunde gering: Wie soll man politische Planung und Steuerung betreiben, wenn Onlinekommunikation von heute auf morgen jede Agenda zunichte machen kann?

Doch Frank Schirrmacher führt noch einen weiteren Punkt an: Für die Politik sei die „Neutralisierung der großen Leuchttürme“, wie Schirmmacher es nennt, toll. Der gedruckte Spiegel sei jetzt weniger wichtig als Spiegel Online, und Artikel bei Spiegel Online verschwinden schneller als in der Druckausgabe. Neutralisieren sich Print und Online? Oder alle Beteiligten untereinander?

Richtig ist sicherlich: Die Prioritäten haben sich verschoben, es sind neue Akteure im Medienbereich dazu gekommen. Und diese Akteure sind Mitbewerber, in der Regel sind sie Konkurrenten der klassischen Medien. Für Frank Schirrmacher ist das vielleicht schwer zu verkraften. Doch für die Politik hat sich wenig geändert: Den gedruckten Spiegel gibt es nach wie vor. Und nur weil ein Artikel bei Spiegel Online im Laufe des Tages in den Hintergrund wandert ist das Thema nicht weg.

Die Frage ist allein: Wie geht die Politik und die Medien damit um? Früher waren schnelle Informationen ein Privileg für wenige. Das hat sich geändert.
Aber fest steht auch: Viele Hoffnungen, die man in das Internet als „digitaler Agora“ gesetzt hat, wurden nicht erfüllt. Frank Schirrmacher nennt das Netzt einen „kapitalistischen Marktplatz“. Doch auch das ist in dieser Absolutheit falsch: Das Netz ist eine Marktwirtschaft, eine soziale Marktwirtschaft, in der das klassische Muster von Sender und Empfänger aufgehoben hat. Die Politik als einzigen Profiteur zu sehen greift zu kurz. Demokratische Gruppen profitieren genau so wie antidemokratische Gruppen. Die Medien, genau so wie die Politik. Und so wie jeder profitiert, so leidet auch jeder Zeitweise darunter. Und das ist ein gutes Zeichen.

Frank Schirrmacher im O-Ton